Zweifel an der Oberfläche

„Die Favoritin“: Fertig, aber bestimmt nicht nett

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Bremen - Von Jan-Paul Koopmann. Was wirklich schmerzt, steht gar nicht drin in diesem Comic. Dabei mangelt es ihm nicht an Grausamkeiten: Da ist ein Knabe, dessen kaltherzige Oma ihn einsperrt, prügelt und gegen seinen Willen als Mädchen aufzieht. Da ist Opas besoffener Besucher, der unbedingt mit ihm „Hoppe, hoppe Reiter“ spielen will.

Und da sind die Jungs von nebenan, die ihm mit gezücktem Taschenmesser versuchen, das Kleid vom Körper zu reißen. All das treibt die Geschichte voran, weil es eben ein Junge ist, der diese sexualisierte Gewalt erfährt – weil seine Enttarnung auf dem Spiel steht. Richtig bitter aber ist, dass der Terror für viele tatsächliche Mädchen alltäglich ist.

Das ist heute noch so und gilt nicht nur für die 70er-Jahre, in denen der Comic „Die Favoritin“ des französischen Autors Matthias Lehmann spielt. Man braucht auch einige Seiten, um das Jahrzehnt überhaupt zu bestimmen. So entrückt wirkt der Schauplatz des klaustrophobischen Landhauses nahe Paris: eine geschlossene Gegenwelt, die nicht Moden unterliegt, sondern in der allein die grausame Hausherrin das Sagen hat. Nur der Fernseher, vor dem sich der untätige Großvater herumdrückt, verrät etwas über die aktuelle Tagespolitik.

Mit ihren durchweg unsympathischen Figuren, lehrt die Geschichte, dass Opfersein einen zwar fertig macht, aber ganz bestimmt nicht nett. Gemeint sind alle in diesem Krieg der Geschlechter, Generationen und – spätestens als die „Hausmeisterkinder“ ins Spiel kommen – auch Klassen.

Das ist unbequemer Stoff, der auch äußerlich erst einmal dröge ausschaut: Streng horizontale und vertikale Schraffuren ordnen die an Holzschnitte erinnernden Bilder unterdrücken so jede Dynamik, die einen Weg nach draußen weisen könnte.

Anspielungen auf die Popkultur

Das wirkt so stark, weil Lehmann in seltenen Momenten der Freiheit (im Garten, versteht sich) zeigt, dass er auch ganz anders kann, wenn er denn will. Da entstehen verspielte Cartoon-Momente mit Anspielungen auf Popkultur: wenn Moallic und Crespis Comicdetektiv Ludo plötzlich in der Erzählung mitermitteln etwa, oder wenn Humphrey Bogart aus dem Fernseher in die Geschichte steigt. Ein bisschen Freiheit ist das und ein herzliches Erinnern an frühe Leseerfahrungen.

Diese Krimi-Fantasien retten dann auch den Schluss, der, für bare Münze genommen, eine Katastrophe wäre: Der Junge erfährt, dass die grausigen Großeltern tatsächlich gar nicht seine sind, sondern ihn als Kleinkind entführt haben. Ein Klischeewunsch ist das, den die Literatur schon manchem unglücklichen Kind in den Kopf gesetzt hat und der auf einen Schlag beinah entwertet hätte, was zuvor über familiäre Gewalt zu lernen war. Entsetzlich platt wär‘s dazu, blieben da nach der Lektüre nicht Zweifel zurück.

Oder doch mindestens ein Unbehagen an diesen letzten Seiten einer Geschichte, die doch eben noch mustergültig vorgeführt hat, dass an dem, was Oberflächen so zeigen, unbedingt zu zweifeln ist.

Matthias Lehmann: „Die Favoritin“, aus dem Französischen von Volker Zimmermann, Carlsen, 160 Seiten, Hardcover, 17,99 Euro.

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