„Der Graf“ über die Gründe eines „unheiligen“ Erfolgs, den Umgang mit plötzlichem Ruhm und neue Pläne

Fernweh ohne Hans Albers

„Meist entstehen die Worte vor der Musik“: „Der Graf“ gibt uns ein Zeichen.

Von Ulf KaackBREMEN · Das Format-Radio unterwirft sich seit Jahrzehnten dem Mainstream. Leichtigkeit und ein Vakuum der Vielfalt dominieren den Äther. Und dann taucht auf einmal ein schwarzer Mann auf. Düster, so seine Aura. Tief seine Stimme. Kraftvoll bis melancholisch seine Kompositionen. Seine Texte voller Tiefgang, voller Metaphern und Aphorismen.

„Der Graf“, so das Pseudonym des Mannes, der die Formation Unheilig gestaltet, lebt und verkörpert, führt seit Monaten die Charts mit Intonationen abseits der Massenware populärmusikalischen Kulturgutes an. Mit bisher über 600 000 verkauften Alben und über 17 Wochen an der Spitze der deutschen Albumcharts schaffte es „Der Graf“, diverse Rekorde zu brechen, wurde mit Platin ausgezeichnet. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt er, warum sich „Unheilig“ nach wie vor als Teil der schwarzen Szene versteht.

?Der Name Unheilig lässt ein Bandprojekt vermuten. Doch Sie allein scheinen der Motor des Ganzen zu sein. Wie siehen Sie sich selbst – als Sänger, Musiker oder Komponist?

!Ich bin das Gesicht von Unheilig, der Repräsentant. Von mir stammen die Texte, die Kompositionen – letztendlich das Gesamtkonzept. Doch natürlich sind viele weitere Menschen an dem, nennen wir es mal Projekt, beteiligt. Unterm Strich ist Unheilig ein Team aus verschiedenen Menschen, die seit einem Jahrzehnt miteinander musikalisch das in Form gebracht haben, wofür wir heute stehen. Als Sänger stehe ich natürlich im Vordergrund, als Instrumentalist hingegen kaum.

?„Große Freiheit“ ist der Chartstürmer des Jahres. War der kommerzielle Erfolg schon bei der Produktion geplant?

!Nein, keinesfalls. Jedes Album von Unheilig hat sich im Entstehungsprozess daran orientiert, wie ich mich fühlte, was mich bewegte, was für mich wichtig war. Es gibt kein Marketing-Konzept, keine Strategie für den Erfolg. Mein Ziel war es immer, Profi zu werden. Dafür habe ich mich für vier Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet, um einen finanziellen Background zu haben. Ich entstamme bekanntermaßen der Gothic-Szene, die sich in weiten Teilen außerhalb des Medienrasters bewegt. Natürlich war ein Charterfolg immer mein ganz großer Traum. Zehn Jahre habe ich auf dieses Ziel hingearbeitet.

?Die Texte auf dem aktuellen Album sind inhaltlich sehr stark maritim gewichtet. Sie handeln vom Meer, Schiffen, Seenot und Fernweh. Haben Sie eine Affinität zur Seefahrt?

!In der Tat. Ich stamme ja aus Aachen, fernab von der Küste. In Lübeck habe ich eine Ausbildung zum Hörgeräteakustiker absolviert, war damals auch oft in Hamburg unterwegs. Dort habe ich mein Herz für die See und die Seefahrt entdeckt. Das Meer steht für Weite, Fernweh und Autonomie. Dinge, die mir wichtig sind. Die Texte malen Bilder und Emotionen. „Große Freiheit“ steht nicht für eine Straße oder eine Hans-Albers-Verfilmung. Es ist die Metapher auf die grenzenlosen Möglichkeiten, die das Leben bietet. Man muss es nur aufgreifen. Die Sprache der Seemänner bietet ein optimales Vokabular dafür.

?Wovon handeln Ihre Lieder, sind die Texte autobiographisch?

!Unbedingt, das sind sie. Meist entstehen die Worte vor der Musik. Anders war es bei „Geboren um zu leben“. Hier entwickelten wir die Melodie im Studio. Auf dem Weg nach Hause flogen mir die Worte dazu nur so entgegen. Es war ein fantastischer Spaß.

?Wie gehen Sie um mit der Situation, nun nicht mehr ein eher kleines Publikum aus eingefleischten Fans zu bedienen sondern vor einem Massenpublikum in den ausverkauften großen Arenen zu spielen.

!Es ist schön, Erfolg zu haben. Ich genieße das. Und da wollte ich immer hin. Ich habe dem Genre, in dem meine Wurzeln liegen, zu Präsenz und einem hohen Aufmerksamkeitsgrad verholfen. Es ist toll, ganz intim vor 50 Leuten ein Akustikkonzert zu spielen. Doch natürlich prickelt es auch gewaltig, vor einem Auditorium von 5 000 eingefleischten Fans zu spielen.

?Genießen Sie Ihre aktuelle Medienpräsenz?

!Natürlich ist diese Aufmerksamkeit etwas Tolles. Doch der Graf auf Tour ist nicht der Graf nach Feierabend. Mein Privatleben ist genauso wie vor dem kommerziellen Erfolg und in der Öffentlichkeit tabu. Es gibt keine Homestories. Und so soll es bleiben – bodenständig, geerdet.

?Häufig werden Parallelen zwischen Unheilig und Rammstein gezogen. Letztere feiern in den USA große Erfolge. Für Sie der Grund, einen ähnlichen Weg zu beschreiten?

!Jein. Ich vergeude nicht so viele Gedanken daran. Ich denke wir werden es irgendwann probieren, ein Wunsch von mir ist es auf jeden Fall. In Österreich und der Schweiz ist Unheilig ja bereits sehr präsent und erfolgreich.

?Sehen Sie Unheilig noch als einen Teil der schwarzen Szene, des Dark Wave und Gothic-Umfeldes?

!Auf jeden Fall. Dort sind unsere Wurzeln, dem fühlen wir uns ohne Einschränkungen zugehörig. Wir haben diesem kulturellen Randbereich zu mehr Aufmerksamkeit und einer gewissen Legitimation verholfen. Klar, so mancher nimmt uns das auch übel.

?Sie sind ein Kind der Achtziger. Wo liegen die musikalischen Einflüsse des Grafen?

!Vor dem Abnablungsprozess hinein in die musikalische Eigenständigkeit waren Sisters of Mercy, The Cure und auch Billy Idol die Faktoren, die uns auf die Schiene gebracht haben. Man braucht eine frühe Initialzündung, um sich später selbstständig bewegen zu können.

?Momentan befinden Sie sich im Zenit des Erfolgs. Was gibt es für Projekte nach der aktuellen Tournee, worauf kann man gespannt sein?

!Aktuell haben wir die neue Single „Winterland“ in den Charts positionieren können. Unsere Jubiläumstour anlässlich des zehnjährigen Bestehens von Unheilig geht noch bis in den Februar hinein. Nach einer kurzen Pause werden wir anschließend die Produktion eines neuen Albums in Angriff nehmen. Das ist der Plan!

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