Die Önder-Zwillinge über sich selbst, die Musik von Fazil Say und ihren anstehenden Auftritt im Sendesaal des NDR

„Ferhan ist Liszt, Ferzan ist Chopin“

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Liszt und Chopin – oder einfach nur Ferhan und Ferzan? Die Önder-Zwillinge zählen zu den bekanntesten türkischen Pianisten der Gegenwart.

Hannover - Von Jörg Worat. Wer am 24. oder 25. Oktober im Großen Sendesaal beim Konzert der NDR Radiophilharmonie doppelt sieht, muss sich keine Gedanken über eine neue Brille machen und hat auch nicht unbedingt ein Gläschen zuviel gekippt: Die Solistinnen des Abends, Ferhan und Ferzan Önder, sind Zwillinge.

Das renommierte türkische Klavierduo, das seit über 25 Jahren in Österreich lebt, wird eine Komposition des Landsmanns Fazil Say spielen.

Im Gespräch verrieten die am 2. Oktober 1965 geborenen Önders nicht nur, warum diese Uraufführung, die ursprünglich den naheliegenden Titel „Twins“ tragen sollte, nunmehr in „Gezi“ umbenannt wurde.

Wer von Ihnen ist der etwas ältere Zwilling?

Ferzan:Ferhan ist 10 Minuten älter.

Bedeuten die Namen Ferhan und Ferzan etwas, kann man sie übersetzen?

Ferhan:die Glückliche.

Ferzan: die Besondere.

Sie, Ferhan, gelten als die Temperamentvollere. Stimmt das? Und heißt das, dass Sie immer bestimmen, wo’s langgeht?

Ferhan:Die Zeiten, wo ich alles bestimmen durfte, sind leider vorbei; umso mehr genießen wir jetzt, dass wir beide so harmonisch miteinander über alles reden und entscheiden können. „Ferhan ist Liszt, Ferzan ist Chopin“ hat damals unser Lehrer gesagt. Beim Musizieren können wir uns auch so gut ergänzen, meinte er.

Wer ist auf die Zusammenarbeit mit Fazil Say gekommen? Wie lange kennen Sie ihn schon?

Ferzan:Fazil Say kennen wir schon, seitdem wir kleine Kinder waren; er war ein Wunderkind. Wir sind immer noch mit ihm gut befreundet und schätzen ihn als Mensch und Künstler sehr. Wir haben ihn stets um neue Kompositionen gebeten. So hat er uns auch, als Ferzans Sohn auf die Welt kam, ein Stück geschenkt, das wir in unseren Konzerten besonders gerne spielen: Variationen für zwei Klaviere und Schlagzeug.

Bitte beschreiben Sie doch das Stück „Gezi“, das hier zur Uraufführung kommen wird. Say hatte es am Anfang ganz speziell auf Sie beide abgestimmt, aber dann kurzfristig umbenannt. Warum fand er diese Entscheidung nötig? Was erzählt uns dieses Werk?

Ferzan:Das „Gezi“-Konzert ist uns gewidmet, deshalb hieß es zuerst „Twins“, als die NDR-Radiophilharmonie den Auftrag gegeben hat. Noch während der Entstehung des Werkes begannen die Gezi-Proteste – die größte Demonstration in der Geschichte der Türkischen Republik! Wir waren alle sehr mitgenommen und aufgeregt! Das Ganze hat Fazil auch inspiriert; er hat uns gefragt, was wir davon halten würden, wenn er das Konzert für zwei Klaviere und Orchester in „Gezi“ umbenennen würde, was für uns eine sehr spannende Nachricht war! Mit dem „Gezi“-Konzert hoffen wir, etwas zu einer friedlichen, menschlichen, freien und demokratischen Welt beizutragen.

Wie genau heißt der Ort, in dem Sie aufgewachsen sind? Ihre Eltern waren meines Wissens Apotheker – wie sind Sie zuerst mit Musik in Berührung gekommen? Ihr älterer Bruder Ömer soll ja ebenfalls eine große pianistische Begabung sein.

Ferhan:Wir sind in Tokat geboren, genau ins Deutsche übersetzt heißt Tokat „Ohrfeige“. Unsere Eltern haben damals die einzige Apotheke in Tokat geführt, waren beide liberale Menschen und waren auch an Musik sehr interessiert. Vater hat Chöre dirigiert, türkische Instrumente gespielt und manchmal auch komponiert. Aus Liebe zur Musik sind wir nach Ankara übersiedelt, wo Ömer schon das Konservatorium als Internatsschüler besucht hatte; später hat er beschlossen, Medizin zu studieren. Heute, trotz seines geschäftigen Lebens als Arzt, macht er noch sehr viel Musik und kann fantastisch am Klavier improvisieren.

Ferzan, Sie sind mit Perkussionist Martin Grubinger verheiratet. Wie haben Sie ihn kennengelernt? Und trommelt er zuhause ständig auf allen Kochtöpfen herum?

Ferzan:Martin und ich haben uns durch ein gemeinsames musikalisches Projekt kennengelernt. Wenn er gerade in der Küche ist, ist es natürlich unvermeidbar, dass der eine oder andere Kochtopf ihm zum Opfer fällt, ansonsten trommelt er in seinem Studio, das gut isoliert ist.

Gibt es Vorlieben oder Abneigungen, sei es musikalisch oder anders, bei denen Sie sich überhaupt nicht einig sind?

Ferzan:Musikalisch haben wir immer wieder Diskussionen, was gut ist, weil es die Musik spannender macht. Wir langweilen uns nie bei Proben. Früher haben wir uns sogar hier und dort gestritten, was wir jetzt nicht mehr tun, also fast nicht mehr. Wir diskutieren sogar manchmal auf der Bühne – zuletzt in St. Petersburg!

Ferhan:Oh, Moment! Jetzt fällt mir was ein! Ferzan mag Zugaben nicht. Und ich liebe sie.

Welche Musik hören Sie zuhause?

Ferhan:Ich mag Sting, das kann ich stundenlang hören; es wird auch sehr viel Bach gespielt bei uns! Sonst genieße ich es, wenn meine Tochter Mozart spielt und mein Neffe trommelt!

Ferzan:Keith Jarrett, Sting, Mahler-Symphonien.

Zum Abschluss Auftritt der Wunschfee: Sie dürfen sich unabhängig von der zeitlichen Epoche einen Komponisten aussuchen, der ein Lied für Sie schreibt, einen Maler, der Sie porträtiert, und einen Dichter, der Verse über Sie verfasst. Welches Trio würden Sie wählen?

Ferhan:Fazil Say, Felicia Gulda, Nazim Hikmet.

Ferzan:Fazil Say, Felicia Gulda, Nazim Hikmet.

Beide im Chor: Wir sind halt doch Zwillinge!

Konzert am 24. und 25 Oktober, jeweils um 20 Uhr im Großen Sendesaal des NDR, Hannover.

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