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Felwine Sarrs „Afrotopia“ fordert Afrika auf, sich neu zu erfinden

Der Anspruch scheint geradezu vermessen: „Afrotopia“ verspricht schließlich nicht weniger als eine Vision für einen ganzen Kontinent, der bekanntlich höchst vielfältig ist, auch was seine inneren Konflikte angeht – wovon sich die Welt beim täglichen Blick auf die Nachrichten überzeugen kann. Dabei ist dieser Blick von außen keineswegs differenzierter als der Titel von Felwine Sarrs Essay.

Syke - Wahrscheinlich muss man manchmal laut auftreten. Immerhin hat der senegalesische Ökonom, Autor und Musiker mit dem 2016 erschienenen Essay „Afrotopia“ auch in Europa auf sich aufmerksam gemacht: Ende November 2018 übergaben Sarr und die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron den „Bericht über die Restitution des afrikanischen Kulturerbes“, den der französische Präsident bei den beiden in Auftrag gegeben hatte. Alles andere als unumstritten sind die darin enthaltenen Forderungen, die durchaus auch in Deutschland diskutiert wurden.

Im Zuge der Debatte über koloniale Raubkunst erschien „Afrotopia“ endlich auch in einer deutschen Übersetzung. Und auch über dieses Buch wurde in europäischen Medien kontrovers gestritten. Dabei richtet sich „Afrotopia“ weniger an Europa als an Afrika – das ganze Afrika. Dessen Bewohner, einschließlich der Afrikaner in der Diaspora fordert Sarr auf, die Reste der Kolonialzeit abzuräumen, sich ihren Kontinent zurückzuholen, ihre Bibliotheken, aber auch sich selbst zu durchleuchten, neu zu denken.

„Es wird darum gehen, die sich entfaltenden Dynamiken zu entschlüsseln, das Hervortreten eines radikal Neuen zu erspähen, den Inhalt gesellschaftlicher Projekte zu ersinnen, die Rolle der Kultur innerhalb dieser Veränderungen zu analysieren, eine zukunftsgerichtete Reflexion anzustellen.“ Sarr fordert eine afrikanische Aufklärung, eine eigene Bibliothek des Wissens, die an Stelle jener der ehemaligen Kolonialherren treten soll.

Dass das dazu benötigte Wissen und die erforderlichen Strategien aus der vorkolonialen Vergangenheit des Kontinents abzuleiten sind, versteht sich nach dieser Logik beinahe von selbst. Sarr verweist in diesem Sinn auf Konzepte wie „Noflaye“ oder „Tawfekh“ aus dem senegambischen Raum. Sie evozieren „die Idee eines Wohlergehens, das mit innerem Frieden und Zufriedenheit einhergeht“, was freilich an Konzepte wie das Bruttonationalglück erinnert, das im südasiatischen Königreich Bhutan als Maßstab für gutes Regieren erhoben wird.

Eine konkrete Handlungsanweisung über die Aufforderung hinaus, sich gleichsam als Kontinent sein Leben zurückzuholen, sich neu zu erfinden, findet sich allerdings in „Afrotopia“ nicht. Eine Lösung für die Fragen, die Sarr aufwirft, wäre wohl auch ein bisschen zu viel verlangt für einen Band von gerade einmal 175 Seiten inklusive Fußnoten.

Was derweil uns in den Metropolen angeht: In 35 Jahren wird – nach dem beispiellosen, wesentlich von den Kolonialmächten bewerkstelligten Aderlass der vergangenen Jahrhunderte – ein Viertel der Weltbevölkerung in Afrika zuhause sein. Es könnte gut sein, dass wir uns eher jetzt als später mit der Zukunft des Nachbarkontinents auseinandersetzen sollten. Sarr hält auch für uns in „Afrotopia“ keine Handlungsanweisungen parat. Sein Buch kann allerdings unseren Blick schärfen für das, was wir von Afrika lernen können. Die letzte Fußnote lautet übrigens: „Der afrikanische Kontinent zeichnet nur für 4,5 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich“.

Weiterlesen:

Felwine Sarr: „Afrotopia“. Aus dem Französischen von May Henninger. Matthes & Seitz, 20 Euro.

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