Felix Rothenhäusler inszeniert in Bremen Mozarts „Hochzeit des Figaro“

Rein in die Dunkelheit

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Ein Spiel, das sich ständig verändert: Felix Rothenhäusler führt zum ersten Mal Regie am Bremer Musiktheater und bringt die „Hochzeit des Figaro“ auf die Bühne.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. „Die Hochzeit des Figaro“ von Wolfgang Amadeus Mozart ist weltweit eine der meist aufgeführten Opern überhaupt. 1786 am Vorabend der Revolution geschrieben, geht es um eine zwischen den Ständen durcheinander gewirbelte Gesellschaft nach dem von Joseph II verbotenen Schauspiel „La folle journée“ von Beaumarchais. Morgen hat das Werk Premiere am Bremer Theater am Goetheplatz unter der Leitung des Bremer Hausregisseurs Felix Rothenhäusler, der damit seine erste Musiktheaterregie vorlegt.

Herr Rothenhäusler, diese Inszenierung ist Ihre erste Oper. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Felix Rothenhäusler: Ich habe schon immer viel mit Musik zu tun gehabt, meine Arbeiten im Schauspiel leben sehr über Musik. Da hat mich die Anfrage enorm gefreut.

Wie sind denn jetzt – einen Tag vor der Premiere – Ihre Erfahrungen mit Musik und Sängern?

Rothenhäusler: Der entscheidende Unterschied zum Schauspiel ist ja, dass die Musik in der Oper schon da ist, es gibt eine klare vorgegebene Struktur. Und darüber hinaus die Frage: Warum fängt man eigentlich an zu singen? Das Singen ist eine Konsequenz aus der emotionalen Intensivierung von Sprache, es beginnt da, wo das Sprechen aufhört. Das fasziniert mich sehr.

Ohne einer historisch korrekten Inszenierung das Wort reden zu wollen, ist diese Oper mehr als jede andere – vielleicht noch Don Giovanni – historisch verhaftet: 1786 am Vorabend der Revolution geht es um das Aufeinanderprallen der Stände. Wie und mit welchen, auch musikalischen, Argumenten kamen Sie auf Ihr Figaro-Thema? Worum geht es Ihnen?

Rothenhäusler: Um das Sich-Abhandenkommen in einem Leben, in dem nichts mehr sicher ist. Das zeigt mir vor allem die Komplexität der Finali mit ihren Feingliedrigkeiten und der Vielschichtigkeit der Empfindungen. Die Emotionen wechseln von einem Moment auf den anderen. Auch der extremste Affekt – nehmen Sie die große Klagearie der Gräfin – kann im nächsten Augenblick wechseln. Das ist wie ein Kristall, wie ein Spiel, das sich ständig verändert.

Gibt es in Ihrer Inszenierung eine bewusste Sicht auf die leicht dümmlichen Männer und die klugen und aktiven Frauen, vor allem die treibende Kraft Susanna?

Rothenhäusler: Tatsächlich bringen die Pläne der Frauen die entscheidenden Wendungen herbei: Das Stück erzählt auch eine Geschlechtergeschichte. Der Reiz ist: Es geht um die Befreiung aus der Ordnung, der Geschlechter, der Hierarchien.

Wie würden Sie die Personen charakterisieren?

Rothenhäusler: Die Figuren sind zwar Typen und werden bei uns auch so gezeigt. Aber sie sind viel mehr als das. Cherubino ist eigentlich eine romantische Figur, er will raus aus den Zwängen der Ordnung, raus in die Natur, in die Liebe. Die Gräfin, die zunächst einmal gefangen ist in ihrer auch gesellschaftlich bedingten Trauer, ist gleichzeitig enorm aktiv. Susanna ist raffiniert, gewitzt, scharfsinnig im Denken.

Es geht auch um die Versöhnung der Klassen. Und bei Ihnen, wenn alles neu gemischt wird?

Rothenhäusler: Der Zusammenbruch der Ordnung ist vielleicht auch der Moment der größten Freiheit: Das ist die Utopie. Die konkreten Rollenzuschreibungen werden bei allen aufgebrochen und damit kommen Sicherheiten abhanden. Auch Figaros Eifersucht ist letztlich ein befreiender Moment, raus aus dem Schloss, rein in die Dunkelheit. Das hat etwas Anarchisches. Viele Dinge werden auf einmal möglich.

Wird der Graf sich nach der vielleicht ergreifendsten komponierten Verzeihung in der Musikgeschichte – „Contessa, perdono“ – sich ändern?

Rothenhäusler: Das weiß man nicht. Aber in diesem Augenblick meint er es ernst.

Hat die konkrete Arbeit Ihr Verhältnis zu Mozart verändert?

Rothenhäusler: Total. Früher fand ich ihn eher glatt. Heute sehe ich die Tiefe im Verhältnis zur Oberfläche, die Tiefe, die er dem Leben abringt. Seine Musik ist kompromissloser als der Text von da Ponte.

Wolfgang Amadeus Mozart, Die Hochzeit des Figaro. Premiere morgen Abend um 19 Uhr am Theater Bremen.

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