Tanztage Oldenburg

„Deep Time“ und „My Ladies Rock“: Feiert das Kollektiv!

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Von Fledermäusen zu Rockröhren reicht das Spektrum in Oldenburg.

Oldenburg - Von Marc Lentvogt und Mareike Bannasch. Das europäische Kollektiv wird infrage gestellt. Mal wieder. Das sagt weniger über den Zustand der Gemeinschaft aus, als vielmehr über die Befindlichkeiten Einzelner. Aus ihrer privilegierten Lage heraus glauben sie, dass jede Änderung des gesellschaftlichen Status Quo ihnen zum Nachteil gereicht. Der alte weiße Mann hat sich in der Geschichte schon häufig dem Neuen verweigert. Die Internationalen Tanztage Oldenburg wagen am Samstag einen Blick zurück und zeigen: Zu Unrecht – zumindest wenn es ihm um das Wohl aller und nicht nur seiner selbst geht.

Hildegard von Bingens Ave Maria, die Exerzierhalle ausfüllend vorgetragen von Tua Dominique, führt in „Deep Time“ ein. Aus dem Schatten löst sich dabei langsam ein fremdes, kriechendes Lebewesen. Dann liegt es dort, das Quartett. Nicht mehr verschmolzen, sondern unter vier Lichtspots voneinander getrennt. Choreografin Virpi Pahkinen spielt mit wiederkehrenden Abläufen, in denen Bewegungs-Verzögerungen sowie abgewandelte Fuß- und Handbewegungen einen jeden Tänzer einzigartig machen.

An Kung-Fu angelehnte Meditation gibt den roten Faden vor, aus dem sich in Wellen pulsierende Körper und Ballett für Sekunden befreien, um anschließend in die asynchrone Synchronität zurückzukehren. Wie die Motive, wiederholt sich die Musik. Der Sopran, harte elektrische Beats, Tiergeräusche. Das Bild umgarnt den Zuschauer, sich fallen zu lassen, weiß eine ermüdende Wirkung jedoch durch grandioses Lichtdesign zu verhindern. Waren die Tänzer zu Beginn in der Dunkelheit vor schwarzem Vorhang versteckt, verwandeln sie sich unter einem grellen Spot vor weißer Wand in ein Schattenspiel.

Und dann, nachdem alle lange eins waren, steht einer in ihrer Mitte. Er zeigt auf sich, nur auf sich, will alle Aufmerksamkeit. Doch sie bleibt ihm verwehrt. Sein Egoismus schadet ihm. Ein Ich ist noch keine Identität, es muss mit Inhalt gefüllt werden. Erst mit dem Rückhalt der Anderen gelingt es. Das Glück der Gemeinschaft liegt in der Akzeptanz und dem Leben der Unterschiede. Eben in der Kraft des Kollektivs – auf der Bühne wie im richtigen Leben.

Ein anderes Kollektiv steht in einer weiteren Produktion des vorletzten Abend der Internationalen Tanztage Oldenburg im Mittelpunkt. Eine Deutschlandpremiere mit dem wohlklingenden Namen „My Ladies Rock“. Nach seiner Inszenierung „My Rock“ im Jahr 2005 hat sich Choreograf Jean-Claude Gallotta diesmal den Frauen im Rock zugewandt – und ihrem Kampf um Anerkennung. Denn jahrzehntelang war es recht einfach: Frauen durften als Groupie in Erscheinung treten, oder allenfalls noch als Muse der großen Meister. Eigene Lieder, eigene Stile oder Ideen? Nicht gewünscht. Trotzdem erkämpften sich Künstlerinnen ihren Platz, Frauen wie Wanda Jackson, Aretha Franklin, Janis Joplin oder Marianne Faithful.

Sie alle liefern den Soundtrack für das elfköpfige Ensemble, das sich zu ihren Hits über die Bühne des großen Hauses bewegt – immer wieder unterbrochen von den Gedanken des Choreografen. Zu an die Wand projezierten Bildern (Videomontage: Benjamin Croizy) der Sängerinnen erzählt er ihre Geschichte, seine Assoziationen und ordnet ihre Lieder manches Mal in einen größeren Gesamtzusammenhang ein.

Zwiespalt in Gesten und Schritte übertragen

Allerdings nicht im leeren Raum: Während seine Worte zu hören sind, übertragen die Tänzer – mal einzelnd, mal paarweise, mal als Kollektiv – seinen Zwiespalt in Gesten und Schritte. Suchen die Nähe des anderen, kuscheln sich zusammen oder gehen auf schützende Distanz.

So wie in jenem Teil der Choreografie, der sich mit Marianne Faithful beschäftigt. Während diese im Video mit den Worten zitiert wird, dass ihre Beziehung mit Mick Jagger vielleicht nicht ihre klügste Idee war, wirbelt ein Paar über die dunkle Fläche. Zu den Klängen von „Sister Morphine“ drehen sie sich um einander, legen sich aufeinander und geben sich auch mimisch ihren Gefühlen hin – bevor sich die große Liebe bereits wenige Takte später in kalte Aggression, Hass und eine große Portion Gleichgültigkeit wandelt.

Ist dieses Duett auch technisch einwandfrei und von großer Ausdrucksstärke geprägt, beeindrucken doch vor allem die Momente, in den das gesamte Ensemble zu sehen ist. Szenen wie jene, in der die Tänzer zu „Proud Mary“ als Glitzerfummel-tragendes Kollektiv schweiß-spritzend und in falbelhafter Synchronität durch die Gegend wirbeln. Zum Beat von Tina Turners Song feiern sie breit grinsend das Leben. Natürlich nicht nur ihr eigenes, sondern vor allem das der Künstlerinnen des Abends. Frauen, die das scheinbar Unmögliche schafften: sich aus dem Schatten der Männer zu befreien.

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