Vier Hände auf zwei Flügeln beim Bremer Musikfest: Claire Chevallier und Jos van Immerseel überzeugen im BLG-Forum

Federnd-fordernde Fossilien

Jos van Immersiel

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Sie hätten gar nicht erst in die Tasten hauen müssen.

Allein der Anblick der historischen Instrumente, dieser mit barocken Formen verzierten Klaviere, wie sie da diametral zueinander auf der kreisförmigen Bühne stehen, beleuchtet von einem gewaltigen Kronleuchter, umstellt von kleinen Sitzgruppen mit Tischchen, dem Ambiente eines Caféhauses nachempfunden: Allein dieser Anblick also war am Mittwochabend einen Besuch des BLG-Forums wert.

Natürlich hauten Claire Chevallier und Jos van Immerseel dann auch tatsächlich nicht hinein, in die kostbaren Érard-Flügel Baujahr 1897 und 1904. Vielmehr intonierten sie Camille Saint-Saëns‘ „Danse Macabre“ op. 40 mit federnd-forderndem Anschlag, einem Gestus, der das morbide Moment dieses Werks mit fast beängstigend drängender Intention zur Geltung brachte. Man muss sich ein wenig an das Klangbild der Instrumente gewöhnen: an den dunklen, warmen Sound, der so gar nicht zur gewohnten klaren Brillanz der die Konzertsäle dieser Welt dominierenden Steinways passen will. Für die Eingewöhnung war die Stückansetzung allemal hilfreich, gab sich doch in der kurzen Komposition ein nur allzu bekanntes Thema aus „Karneval der Tiere“ zu erkennen. Unweigerlich ließ es an den (später verfassten) Auftritt der Fossilien denken, verlieh der Interpretation somit eine Bildhaftigkeit, die bald manche Facette des anfangs noch eng begrenzt scheinenden Ausdrucksspektrums aufdeckte: so dunkel der Ton, so vielfältig seine Gestaltungsmöglichkeiten. Mit ihrer energischen, aber niemals aggressiven Phrasierung deuteten Chevallier und van Immerseel die romantische Substanz auf geradezu expressionistische Weise aus, als vermuteten sie darin eine verborgene Wahrheit, die sich allein mit dem nötigen Nachdruck an die Oberfläche zitieren ließe. Frappierend war diese Wirkung bei Francis Poulencs „Elégie en accords alternés“: insofern, als ausgerechnet die der Spätromantik entstammenden Klaviere wie geschaffen schienen für die Melodik des erklärten Romantik skeptikers.

Chevallier und van Immerseel konnten aber auch anders. Leicht und verspielt war etwa ihr Zugriff auf die drei andalusischen Tänze des Spaniers Manuel Infante. Ganz konservativ, nämlich romantisch verträumt dagegen eine Prélude von César Franck. Und richtig zupackend schließlich, mit viel Mut zum Pathos: Sergej Rachmaninows Suite Nr. 2 op. 17. Hier – insbesondere in den ohnehin hymnisch angelegten Passagen – drohte der Elan mitunter in Schwulst überzugehen. Man mochte diese Gefahr gerne in Kauf nehmen, angesichts des eindrucksvollen Klangreichtums, den das französisch-belgische Duo offenbarte.

Die historische Aufführungspraxis erweist sich oft genug als problematisch, weil ihr eine unerfüllbare Erwartung zugrunde liegt: die Erwartung einer Originalität, die in Wahrheit immer auch von nicht wiederherstellbaren Rezeptionsbedingungen abhängig ist. Dass es Chevallier und van Immerseel um mehr ging als eine solcherart nostalgische Annäherung, war im BLG-Forum von Beginn an greifbar. Ihr Spiel ist ein Angebot zur Erkundung neuer Wege, eine Erweiterung des bestehenden Interpretationskanons. Und nicht zuletzt bieten die von ihnen gepflegten Instrumente gegenüber den schwarzen Kästen unserer Zeit ganz augenfällige Vorteile: Sie sehen besser aus.

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