„Sylvette, Sylvette, Sylvette. Picasso und das Modell“ in der Kunsthalle Bremen

Faszination in Grau

Picassos Modell: Sylvette David (79) bei einem Presse-Rundgang gestern in der Kunsthalle Bremen. ·
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Picassos Modell: Sylvette David (79) bei einem Presse-Rundgang gestern in der Kunsthalle Bremen. ·

Bremen - Von Rainer BeßlingDie Begeisterung Picassos ist nachvollziehbar. Etwas scheu, ungemein charmant, mit rührender Aufrichtigkeit und in einer unter den Spuren des Alters immer noch strahlenden Schönheit spricht Sylvette David vom Podium in der Kunsthalle Bremen.

Sie begreife es gar nicht richtig, dass sie nun dort sitze, sagt sie leise. Aber es mache sie glücklich, inmitten dieser wundervollen Exponate zu sein. Und sie frage sich, warum nicht schon früher jemand auf das Ausstellungsthema gekommen ist. Das Thema ist die Begegnung der damals 19-jährigen Sylvette mit dem 73-jährigen Picasso im Frühjahr 1954 im südfranzösischen Vallauris, insbesondere der künstlerische Ertrag dieses Zusammentreffens.

Der Maler ist zu jener Zeit bereits weltberühmt, vor allem leidet er unter der Trennung von Françoise Gilot und seinen beiden Kindern. Dann sieht Picasso Sylvette und ist von dem blonden Mädchen mit dem markanten Pferdeschwanz sofort gefangen. Das Mädchen, das zusammen mit ihrem Verlobten an die Cote d‘Azur gereist ist, sitzt dem Maler über einige Monate Modell. Es entsteht ein umfangreicher und vielfältiger Werkzyklus, der von morgen an in einer repräsentativen Zusammenschau in der Bremer Kunsthalle zu sehen ist. Die Präsentation ist in vielfacher Hinsicht im besten Sinne spektakulär: Sie vermittelt gleichermaßen den Zauber des Modells wie die Faszination des Malers. Sie inszeniert die Wucht von Picassos Meisterschaft und zugleich den nie versiegenden Experimentierwillen des Künstlers.

Schon kurz nach ihrer Entstehung sind viele „Sylvette“-Werke öffentlich zu sehen. Die Resonanz ist groß und begeistert. Schon zuvor hatte allein die Begegnung von Maler und Modell für medial angefeuertes Aufsehen gesorgt. Der blonde Teenager verkörpert einen neuen Frauentypus, an dem sich auch Brigitte Bardot orientiert haben soll. Sylvette David mag dieses Bild einer verführerischen Kindfrau auf den ersten Blick bedient haben. Picasso sieht in ihr eher die anmutige, sich ihrer selbst gar nicht gewissen Schönheit, mehr eine anmutige Mädchenhaftigkeit, wie sie sich vor allem in der Bremer Sylvette-Variante niederschlägt, die Günter Busch bereits 1955 für die Kunsthalle Bremen erwirbt.

Um dieses Gemälde, eine Ikone der Bremer Sammlung, gruppiert der aktuelle Kunsthallen-Direktor Christoph Grunenberg eine präzise und zugleich auf Überwältigung und Überraschung setzende Schau. Picassos Werkzyklus spiegelt keine konzise Entwicklung, sondern zeigt eine Auffächerung des Motivs in verschiedene Bildsprachen und Materialien.

Grunenberg macht im Katalog deutlich, dass es ihm nicht nur um eine überfällige Schau rund um ein beliebtes Bild seines Hauses geht. Er argumentiert vor allem gegen die reservierte bis abwertende Einschätzung des Sylvette-Zyklus‘ durch renommierte Picasso-Forscher. Diese werfen dem Künstler einen Mangel an emotionaler Einlassung in das Thema und einen tendenziell oberflächlichen Flirt mit dem Zeitgeist vor. Die Bremer Schau lässt an dieser Einschätzung erheblich zweifeln. Vielmehr ist Grunenberg zuzustimmen, der das erhebliche Potenzial hervorhebt, welches das Zusammentreffen von Maler und Muse freisetzt.

Die Schau verankert den Zyklus im Kontext von Picassos Schaffen zwischen Bildnissen von Françoise Gilot und Jacqueline Roque. Sie spiegelt Zeitgeist und Moden der 50er-Jahre ebenso wie die tiefe Auseinandersetzung Picassos mit der Identität als Künstler, mit dem Alter und mit der vielfach sinnlich aufgeladenen Beziehung zwischen Maler und Modell. Sie zeigt, flankiert von zahlreichen Fotografien, in Zeichnungen und Gemälden, die kompositorische Vielfalt, derer sich Picasso bedienen kann. Neben dem selbstbewussten Ausweis des Alleskönners stehen zugleich die Dokumente eines Getriebenen, der sich nie mit dem Erreichten begnügt.

Virtuosität wird bei Picasso zum Instrument von Perspektivenvielfalt und Tiefenergründung. Die Sylvette-Werke sind Bilder, von denen die Porträtierte selbst sagt, dass sie hier ihr Wesen vollkommen verstanden sehe. Zugleich sind sie Idealisierungen nach griechisch-klassischen Mustern. Nicht zuletzt zeigen bereits die auf Grautöne beschränkten Leinwände Picassos in jener Zeit zentrales Interesse am Plastischen, an der Konzentration auf die Platzierung der Figur im Bildraum. Die Plastiken in der mit mehr als 200 Exponaten bestückten Präsentation dürfen als eine besondere Attraktion dieser unbedingt empfehlenswerten Schau gesehen werden.

Kunsthalle Bremen, 22. Februar bis 22. Juni. Di 10-21 Uhr,

Mi-So 10-18 Uhr. Eintritt 12 Euro. Katalog 32 Euro

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