„Land schaffen“: Zeitgenössische Landschaftsdarstellungen im Syker Vorwerk

Farbscholle und Ackerfurche

Jan Philip Scheibe setzt der Landluft ein Denkmal.

Syke - Von Rainer Beßling(Eig. Ber.) · Man stapft einige Schritte durchs Laub und fühlt sich wie am Eingang zu einem Weihnachtsmarkt, oder zu einer Kirmes –  groß ist der Unterschied ja inzwischen nicht mehr. Das trübe Novemberwetter hilft in diesem Fall. Vor grauer Kulisse leuchtet Jan Philip Scheibes bunte Lichtinstallation im Baum am Syker Vorwerk umso prächtiger.

Wirkt der Lampenschriftzug einerseits vertraut, lässt der blinkende Begriff selbst rätseln: „Mycobacterium Vaccae“. Kuratorin Nicole Giese klärt auf. Auf den lateinischen Namen hört ein Bakterium, das sich im Erdreich aufhält und – zumindest in Experimenten mit Mäusen nachgewiesen – die Ausschüttung des Botenstoffes Serotin anregt. Dieser Vorgang löst bekanntlich Glücksempfindungen aus und fördert die Gehirnleistung. Vereinfacht lässt sich also sagen: Landluft macht nicht nur froh, sondern auch schlau. Welch ein schönes Denkmal für den ländlichen Raum! Im Garten des Vorwerks, Zentrum für zeitgenössische Kunst, soll es so lange hängen bleiben, wie Technik und Material das zulassen.

Ab morgen ist Scheibes Werk erst einmal Bestandteil einer Ausstellung, die das Land, das Ländliche, die Landschaft in den Blick nimmt. „Land schaffen“ ist die Präsentation überschrieben, an der 13 Künstlerinnen und Künstler teilnehmen. Dass die Schau schon mit einem mehrsinnigen Titel Aufmerksamkeit einzuwerben versucht, ist nachvollziehbar. „Landschaftsdarstellungen in der zeitgenössischen Kunst“, so ihr Untertitel, sind keine Rarität. Das Thema ist ein Klassiker. Aber „Land schaffen“ – da kreisen die Gedanken um Lebensraum- und Bodengewinnung, um Natur-, Kultur- und den Bildraum selbst. Der konstruktive Charakter des vermeintlich Ursprünglichen schwingt mit. Und vielleicht finden sich sogar diejenigen wieder, die nicht Land schaffen, aber die das Land schafft.

So ist man schon mitten drin in der Landschaftskunst, die Nicole Giese zusammengetragen hat. Die Kuratorin des Vorwerks, das in jüngster Vergangenheit inhaltlich im ländlichen Raum auf- und damit unterzugehen drohte, hat ihr Thema nicht systematisch beackert, sondern Früchte eigener Ausstellungsbesuche und aus Künstlerbekanntschaften aufgelesen, wie sie selbst sagt. So trifft man auf bekannte Positionen aus der Region und begegnet auch solchen wieder, die räumlich und zeitlich nicht weit entfernt in Gruppenausstellungen schon ihre Auftritte hatten. Einer bestimmten These oder Fragestellung folgt die neue Vorwerk-Schau nach Bekunden ihrer Schöpferin nicht, Vielfalt lautet das Motto, häufig ist in da der Zufall nicht weit. Im Ergebnis aber bietet die Ausstellung, auch wenn sie recht brav die Beteiligten aneinander reiht und weder Korrespondenzen noch Reibungen offen inszeniert, spannende Positionen. Am Ende bekommt man den Eindruck eines ebenso frischen wie unbekümmerten Zugangs zu einem Standard des Kunstbetriebs.

Dazu tragen im wesentlichen Arbeiten wie die von Felix Rehfeldt bei, der Landschaftsgliederung und Farbfeld-Kompositionen kurzschließt, der Draufsichten aus der Google Earth-Perspektive neben hintersinnige Tiefenillusionen aus dem Zusammenspiel von Farbmaterie, Fotografie und Flächigkeit stellt. Sein Kollege Thomas Dillmann dockt an Veduten-Traditionen an, thematisiert aber das Spannungsverhältnis von Malerei und Fotografie, wobei er eher wenig pittoreske Motive ins Postkartenformat bringt.

Wenig Spektakuläres geschieht auf den ersten Blick auch in dem neuesten Video der Bremerin Marikke Heinz-Hoek. „Flussbild“ zeigt einen Blick auf die Ems durch eine Lücke im Schilf. Ebenso ruhig wie das Wasser im Vordergrund wogt, zieht ein Binnenschiff durchs Bild. Stille Aufmerksamkeit für die Lebensader der Region, Harmonie von Naturbewegung und Gütertransport. Perspektiven und Proportionen vorgefundener Landschaft und Formeln der Geometrie, also der Land-Vermessung, bringt Louis Niebuhr in seinen hochästhetischen und gedanklich reichen Fotograttagen mit Motiven aus dem Syker Raum und aus Norwegen in Beziehung.

Das Landschaftsbild als Konstruktion und Illusion macht das Bremer Duo Marina Steinacker und Susanne Katharina Willand sinnfällig. Sie zeigen das Papp-Modell von Gebirgszügen als Treibmittel für romantische Entwürfe und Bühne für gespeicherte Blicke. Die Malerin Sabine Wewer hat ihre Vorliebe fürs Maritime auf die Tiefsee ausgedehnt und zeigt Unterwasserlandschaften mit Walen und Quallen.

An Tiefen von Erinnern und Verdrängen rühren die malerisch satten Großformate von Neno Arslana: nebelhafte, zwischen Märchen und Alptraum pendelnde, von Landschaftsteilen und Kompositionselementen verstellte, verbarrikadierte Bilder aus der Heimat des in Sarajewo geborenen Künstlers. Ganz eigene Räume baut und durchwandert Julia Oschatz in einem wilden, düsteren, rätselreichen Mix aus Malerei, Zeichnung, Rauminstallation und filmischer Animation. „Land schaffen“ – die persönliche Landnahme, die individuelle Spuren hinterlässt, Boden markiert und ins Bodenlose fallen lässt. Das Individuelle, Künstliche und Künstlerische, das Ergründen und das Abgründige liegen bei der großartigen Berliner Künstlerin eng beeinander.

Die Ausstellung „Land schaffen“ wird morgen um 12 Uhr im Syker Vorwerk eröffnet. Sie ist bis 16. Januar zu sehen. Ein Katalog begleitet die Schau.

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