„Die gute Stube“: Reinhard Osiander und Patricia Lambertus stellen im RKK Bremen aus

Familienbilder und Tapeten

Reinhard Osiander: Karo.

Bremen - Von Rainer Beßling(Eig. Ber.) · In regelmäßigen Abständen holt sich das Rotes Kreuz Krankenhaus Bremen Kunst in die Klinik. Da es Auswahl und Präsentation kuratorischer und künstlerische Fachkomptenz anvertraut, lohnt sich ein Besuch. Personal, Patienten und deren Angehörige bekommen nicht Dekor und Gefälligkeit geboten, sondern aktuelle Kunst, die in der Szene Beachtung findet.

„Die gute Stube“ ist die jüngste Ausstellung überschrieben. Der Titel lässt an Wärme und Heimeligkeit denken, weckt aber gleich auch die Skepsis, die sich gegenüber offensiver Häuslichkeit etabliert hat.

„Die Stube“ heißt eine Figurengruppe des Bremer Bildhauers Reinhard Osiander, der zusammen mit Patricia Lambertus noch bis zum 28. November am St.-Pauli-Deich gastiert. Das Material von Osianders Familienaustellung scheint Programm: Die Protagonisten kommen hölzern daher. Das Elternpaar steht wie ein schützender Schirm hinter seinen Kindern. Sichtbaren Kontakt untereinander nehmen die vier nicht auf. Was sie verbindet, ist ihre statische Haltung.

Sie erscheinen ausgestellt, mehr als plastisches Abziehbild einer Lebensform hin- und irgendwie abgestellt. Wie im richtigen Familienporträt wissen sie kaum, wohin mit den Armen. Von oben nach unten sind die Figuren immer weniger ausgeformt. Wie angewurzelt stehen sie auf plumpen Beinen. Schockstarre, müde Sehnsucht, Erwartung? Vitalität sieht s anders aus.

So wenig sie untereinander und miteinander agieren, so wenig stellen sie Kontakt zum Betrachter her. Figuration und Situation sichern eine schnelle Kenntlichkeit, doch das Befremdliche wird umso deutlicher. Die vermeintliche Heimeligkeit der Stube ist vielfach gebrochen.

Osianders Protagonisten sind keine Akteure, sie tragen vielmehr Spuren. Es sind die Spuren des bildhauerischen Arbeitsprozesses, aber auch Lebensspuren. Gerade aus ihrer reibungsvollen schwebenden Existenz zwischen Schilderung und skulpturaler Setzung beziehen sie ihre innere Energie und suggestive Kraft.

Auch die anderen Exponate Osianders zeigen einen besonderen Umgang mit der Fugur. Die Ruhelage des Körpers steht im Spannungsverhältnis zur expressiven Oberfläche. Fragmentarische farbliche Fassung durchkreuzt die Geschlossenheit der Stuben-Formation. Nicht Volumenspannung prägt den Raum, vielmehr wirft Körperlichkeit die Frage nach der wirklichen Anwesenheit der Personen in ihrer Lebenswelt auf. Die knappe Unterlebensgröße macht das Ensemble zu einer Art Modell. Fraglich, ob das Modell Stube empfehlenswert ist.

Zu den unverzichtbaren Bestandteilen der guten Stube gehört der Wandschmuck. Bei der physischen Abschirmung des privaten Schutz- und Schonraums spielt die Auskleidung mit einem individuellen dekorativen Stempel eine wichtige Rolle. Das Abreißen von Tapeten heißt, die Spuren der Vorgänger zu entfernen und das Revier neu abzustecken. Mit dem Dekor nimmt der Bewohner die Wände in Besitz. Zugleich ist das Entfernen von Tapeten ein Freilegen, ein Erforschen.

Patricia Lambertus wählte die Tapete zum zentralen Bildmotiv aus bestimmten Fragestellungen heraus: Mit welchen Raumbildern umgeben wir uns täglich? In welchen Bildern wachsen wir auf? Die Tapete ist ein mit Erinnerungen behaftetes Material, in ihr ist Zeit geschichtet. An den Rissstellen offenbaren sich die Schichtungen als historische Überblendungen, eine Realcollage, die im künstlerischen Kontext Assoziationsfelder öffnet.

„Der Sitz der Seele ist da, wo sich Innenwelt und Außenwelt berühren“, formulierte Novalis. Patricia Lambertus verbindet in Hinter- und Aufglascollagen Innen und Außen, verschränkt und überblendet die private Stube mit dem öffentlichen Raum. Sie bringt den Privatraum nach außen und den Außenraum nach innen. Sie verschränkt den Blick nach außen und den von außen. Konturen von Häusern werden mit Tapetenmustern hinterlegt, Teile von Hausfassaden mit Tapeten ausgekleidet. Der Wandschmuck findet über Türen, Fenster, Balkone Wege nach draußen.

Die Tapete wird zur Brücke zwischen beiden Lebenswelten. Es ist, als stülpe die Künstlerin die Stube um, wenn sie Tapeten auf Hausfassaden aufbringt. Was das Private verhüllt, enthüllt sich so. Das Private wird zum öffentlichen Gegenstand. Das Innere ist kein abgeschotteter Raum, auch kein neutraler befriedeter Ort, hier schwappt das Äußere hinein.

Auch die Stadt trägt Dekor, auch die Häuserfassaden speisen unser visuelles Gedächtnis, wecken Gefühle von Vertrautheit, ziehen an oder stoßen ab. Wahrscheinlich gehört es zu den spannendsten Fragen der Gegenwart, wie sich Individualität und Kollektiv, wie sich privater und öffentlicher Raum begegnen – angesichts wachsender virtueller Erfahrungsangebote, angesichts zunehmenden Strebens nach Veröffentlichung des individuellen Profils, angesichts eines grassierenden Wahns zur Offenbarung. Der Rückzug aus einer urbanen, realen Öffentlichkeit in den Kokon der Privatheit kontrastiert mit dem Drang zur Bühnenpräsenz und einer medienöffentlichen Rolle.

Die Prägung und Bestätigung menschlicher Raumerfahrung und damit auch Selbsterfahrung und -vergewisserung befindet sich auf schwankendem Boden. Patricia Lambertus identifiziert und gestaltet kulturelle Gebrochenheit an der Ausgestaltung unserer Wohnwelten. Sie konfrontiert uns mit Chiffren, an denen wir die Frage stellen müssen, wie oder mehr noch ob wir unsere Lebenswelt gestalten.

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