Am Theater Bremen geht der Knausgard-Zyklus in die letzte Runde

Familienangelegenheiten

Robin Sondermann als Karl Ove Knausgard

Bremen - Von Rolf Stein. „Min Kamp“, das sind sechs Bände autobiografischer Literatur auf 3 600 Seiten. Das Schreibprojekt des norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgard spaltete nicht nur dessen Familie, sondern auch die Literaturkritik. Die Angehörigen fühlten sich verunglimpft, entblößt. Die Kritik schwankte zwischen Verzückung, Ratlosigkeit und Erleichterung darüber, als nach dem sechsten Teil Schluss war.

Am Theater Bremen haben Regisseur Frank Abt mit seinem Team und der Schauspieler Robin Sondermann den vieldiskutierte Romanzyklus in sechs Theaterabende destilliert, deren finaler am Donnerstag im Kleinen Haus Premiere feierte.

Wer befürchtet hatte, der Abend könnte seiner Vorlage entsprechend umgerechnet etwa 500 Seiten länger sein als die Vorgänger, durfte im Grunde schon am Ende von Teil fünf aufatmen, der schon auf Teil sechs vorgriff und zugleich anmoderierte, was da vielleicht zu erwarten war: Eine Art Familienfeier, zu der alle etwas mitbringen aus den vergangenen umgerechnet 40 Jahren, wie das bei Familienfeiern eben so ist. Wobei darin wohl immer ein paar Generationen mehr eingepreist sind, wie sich auch ohne Küchenpsychologie sagen lässt.

Bevor nach und nach Familie und Freunde auf der Bühne eintrudeln, um sich an einer langen Tafel Hot Dogs zu basteln, formuliert der Abend einen zentralen Einwand gegen sich selbst: Weil, mit dem Philosophen Martin Buber gesprochen, alles wirkliche Leben Begegnung sei, lädt Nadine Geyersbach als Tonje, Knausgards erste Ex-Frau, alternativ zum Gespräch ins benachbarte Café im Foyer ein, anstatt sich dem Narzissmus des Knausgardschen Megamonologs auszusetzen, dessen Authentizitätsanspruch Geyersbach stellvertretend die Perücke herunterzieht.

Herein, wenn’s kein Onkel ist! „Knausgard VI: Kämpfen“ bringt die Theaterfamilie zusammen. Fotos: Jörg Landsberg

Folgt man der Einladung nicht, kann man dennoch einen interessanten Abend erleben. „Knausgard VI: Kämpfen“ ist zum einen gar nicht so monologisch wie frühere Bände. Das Finale behandelt die Zeit, in der der erste Teil des Projekts veröffentlicht wird. Das Feedback, welches das Schreiben erzeugt, tritt ein in die Banalität des Alltags. Onkel Gunnar (Siegfried W. Maschek) verschafft sich lauthals Zugang, droht, per Klage das ganze Projekt platzen zu lassen. Intimfreund und Schriftstellerkollege Geir (Torsten Kindermann) bestärkt den Ich-Erzähler. Die Öffentlichkeit (Alexander Angeletta) fragt unerbittlich nach den Grenzen zwischen Kunstfreiheit und dem Recht auf so etwas wie Privatheit. Linda, die zweite – in „Kämpfen“ noch nicht – Ex-Frau, gibt zähneknirschend zu Protokoll, dass das, was da über sie geschrieben steht, dann eben doch große Kunst sei. Was auch immanent durchaus eine Menge Begegnung ist und über Knausgard hinausweist. Während Peter Handke (wieder Maschek in einem szenischen Kleinod) sich seinen Kollegen freundschaftlich zur Brust nimmt und die Band und die Kinder aller fünf bisherigen Abends die Temperatur des Abends wuselnd steigen lassen.

„Kämpfen“ ist aber auch ein Hunderte Seiten langer essayistischer Exkurs über die Implikationen des Titels „Min Kamp“, angetriggert durch ein Exemplar von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ aus dem Nachlass der Großmutter des Schriftstellers. Während sich die mittlerweile auf rund zwei Dutzend angewachsene Gesellschaft mit Würstchen, sich selbst und dem Bau von Türmchen aus Geschirr beschäftigt, setzt Robin Sondermann an, diesen Trumm vorzutragen, sich heillos verirrend in der Referenzhölle, deren Geistern er nicht Herr wird.

So erleichtert, wie nach Band sechs manche Kritiker waren, scheint auch der Bühnen-Knausgard: Sondermann bietet gegen Ende munter spätere Schriften zur Ansicht an, während Jan Grosfeld als Roman-Knausgard Abschied nimmt. So klärt „Knausgard VI: Kämpfen“ auch ein bisschen das Verhältnis von Werk und Autor – wenn schon nicht das zum Onkel. Und ist in seinem familiären Gestus auch Zeugnis der Vitalität dieser dramaturgischen Langform.

Weitersehen:

„Knausgard VI:Kämpfen“ ist im Rahmen des „Knausgard Halbmarathon“ im Rahmen des Jazzahead-Festivals am Freitag, 19. April, im Kleinen Haus am Theater Bremen zu sehen. Am gleichen Tag zeigt das Theater ebenfalls im Kleinen Haus „Knausgard IV: Leben“ (11.30 Uhr) und „Knausgard V: Träumen“ (15.30 Uhr).

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