Lichtkunst-Triennale setzt vor zweiter Zwangspause auf renommierte Künstler und Studenten

Fallen, Aufstehen, besser Scheitern

Kurzes Vergnügen: Nicht mal eine Woche, da ist die Lichtkunst-Triennale zur Zwangspause verdammt.
+
Kurzes Vergnügen: Nicht mal eine Woche, da ist die Lichtkunst-Triennale zur Zwangspause verdammt.

Bad Rothenfelde – Die Lichtsicht – ein Lichtstreif am Horizont, ein Lichtblick im Dunkel des Kulturbetriebs: Was hätte die Projektionstriennale in Bad Rothenfelde bei Osnabrück nicht für schöne Wortspiele hervorbringen können. Hätte – denn gerade mal eine Woche, nachdem die siebte Auflage des international renommierten Lichtkunst-Festivals nach großen finanziellen Geburtswehen das Licht der Welt erblickt hatte, wurden ihm auch schon wieder die Lichter ausgeknipst.

Und das, nachdem der niedersächsische Kulturminister Thümler anlässlich eines Landes-Förderbescheids über 80 000 Euro verkündet hatte: „In Zeiten der Corona-Pandemie ein ideales Format, draußen im Freien“. Denn erstmals lag die Finanzierung nicht in der Hand eines großen Sponsors, der zum Abschied immerhin noch mit 38 leistungsstarken neuen Projektoren in 4K-Technik für die Zukunft vorgesorgt hatte. Ausgerechnet das in der siebten Auflage erstmals komplett aus Fördergeldern von Land, Landkreis und Gemeinde gestemmte Vorzeigeprojekt wurde Opfer des zweiten Lockdowns. Aber so ist es eben: Gleiche Pflicht für alle, auch wenn das ehemalige Gradierwerk im Kurpark mit einer Fläche von mehr als 10 000 Quadratmetern mehr als genug frische Luft und Platz bietet.

Seit die Finanzierung im November 2019 stand, hatte das Organisationsteam Gas gegeben, mit Michael Bielicky als neuem Kurator an der Spitze. Bei der Auswahl der Künstler war der Medienkünstler, selbst ehemaliger Teilnehmer, nicht konzeptionell vorgegangen, sondern hatte „das Fischernetz ausgeworfen“. Auch dank guter Kontakte im Meer der Medienkunst sind einige dicke Fische hängen geblieben – schließlich ist der Angler vor allem im asiatischen Raum gut vernetzt. So wartet die diesjährige Auflage mit viel asiatisch konnotierter Kunst auf, die den Weg seiner Vorgänger, Documenta-Kurator Manfred Schneckenburger und Peter Weibel, mit ihrer Absage an Euro-Zentrismus konsequent fortsetzt. So zeichnen sich auf der breitesten Projektionsfläche der mehr als 300 Meter langen, rauen Schwarzdornwand in fast kontemplativer Langsamkeit die Schriftzeichen der japanischen Kalligrafie-Meisterin Midori Kono Thiel ab; ebenso wie auf dem auch in diesem Jahr einbezogenen Kurmittelhaus – allerdings nur für diejenigen Besucher, bei denen die Handy-App für das interaktive Experiment funktioniert.

Interaktivität ist auch bei Simon Weckerts und Philipp Weisers „Eternal Dream“ an der Frontseite der Mammutwand angesagt. Die Installation, bei der ein Scan das Abbild des Besuchers in den Himmel emporsteigen lässt, entpuppt sich bereits in der ersten Lichtsicht-Woche als Besuchermagnet. Der ewige Traum vom Fliegen, er wird dank modernster Digitaltechnik für Paare, Hunde, ja sogar Kinder samt Fahrrad wahr. Die Riesen-Gaudi lässt fast die eigentliche Botschaft vergessen, nämlich wie leichtfertig wir heute unsere persönlichen Daten ins Internet schicken. Daran erinnern die Künstler den Besucher auf ihrer Website eternal-dream.digital, auf der bis jetzt mehr als 6 000 Bad Rothenfelder „Springer“ in steter Abfolge über den Bildschirm gleiten.

Ein weiterer Hingucker, „The Act of Changing something‘s Position“ ist gleich von der Straße aus zu sehen. Kein Zufall, spielte bei der Platzierung der Werke der räumliche Kontext eine Rolle. Die Videomontage der weißen Amerikanerin Natalie Bookchin: eine in Endlosschleife gezeigte Collage der Proteste von George Floyd. Ohne nennenswerte Bewegung, verharrend, setzt diese Weltpremiere ein Zeichen für den gewaltlosen Widerstand.

Bildgewaltig kommt Julius von Bismarcks Videocollage „Fire with Fire“ daher. Seine Auseinandersetzung mit den jüngsten Klimaveränderungen, Bilder von Dürre und Waldbränden, sind in mehr als nur einer Hinsicht ein Spiel mit dem Feuer: Die durch Kaleidoskoptechnik abstrahierten, hoch-ästhetischen Bilder verleihen der Katastrophe eine so verführerische Schönheit, dass er sich fragen lassen muss: „Darf Kunst das?“ Aufgeworfen wurde diese Frage kurioserweise bei einem anderen Werk, das noch vor der Eröffnung für einen kleinen Skandal sorgte: In „Delusional Crime und Punishment“ setzt sich die Künstlerin Lu Yang, selbst im Video zu sehen, mit Schuld und Sühne, Hölle und Bestrafung auseinander. Kein Wunder, dass dieses große Thema nicht gerade Bilder aus dem Poesiealbum evoziert. Gewaltverherrlichung wird ihr nur in unseren Breiten vorgeworfen; bei der Biennale in Peking nahm man an ihren düsteren, brutalen Fantasien keinen Anstoß. Das mag mit der besonderen Ausstellungssituation in Bad Rothenfelde zu tun haben: die Kunst findet, ohne Einlass oder Zugangsbeschränkungen, im öffentlichen Raum statt. Klar, dass so mancher Spaziergänger, möglicherweise mit Kindern, sich diesen Bildern nicht freiwillig aussetzen würde. Der Kompromiss: ein Schild mit einem Warnhinweis, leider im Dunkeln – wenn die riesigen Projektionen starten, ist es kaum zu sehen.

Wie es möglich wurde, mit einem Budget von gerade mal einem Drittel große Szene-Namen wie Jeffrey Shaw zu holen? Seine projizierten menschlichen Sturzakte „Fall Again, fall better“ fordern in Anlehnung an das Samuel-Beckett-Zitat vom besseren Scheitern zur gesellschaftlichen Erneuerung nach dem Scheitern auf .Bielicky setzt auf die Mischung bekannter Namen und Studierender. Sogar der Film einer tschechischen zwölfjährigen Youtuberin ist dabei, der mit seiner Kürze und schnellen Schnitten neue Sehgewohnheiten postuliert und sicherlich in Richtung zukünftiger „Lichtsichten“ weist.

Von Ulla Heyne

Virtuelles Wasser: Ohne den Regen gäbe es die Dusche nur auf dem Bildschirm.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

AfD beschließt sozialpolitisches Konzept

AfD beschließt sozialpolitisches Konzept

DFB-Frauen schlagen Griechenland - Bilanz bleibt perfekt

DFB-Frauen schlagen Griechenland - Bilanz bleibt perfekt

An diesen vier Zipfeln endet Deutschland

An diesen vier Zipfeln endet Deutschland

Die heilende Kraft der Aloe vera

Die heilende Kraft der Aloe vera

Meistgelesene Artikel

Festgefahren im Genre

Festgefahren im Genre

Festgefahren im Genre
„Rainer Gratzke oder Das rote Auto“: Der letzte Krawallier

„Rainer Gratzke oder Das rote Auto“: Der letzte Krawallier

„Rainer Gratzke oder Das rote Auto“: Der letzte Krawallier
Geschichte mit den Füßen

Geschichte mit den Füßen

Geschichte mit den Füßen
Film „Aufbruch in die Freiheit“ erzählt die Geschichte einer Abtreibung

Film „Aufbruch in die Freiheit“ erzählt die Geschichte einer Abtreibung

Film „Aufbruch in die Freiheit“ erzählt die Geschichte einer Abtreibung

Kommentare