„Über den Feldern“: Manesse Verlag entdeckt große Erzählungen über den Ersten Weltkrieg / Sehnsucht nach Wirklichkeit

Nur wer fällt, darf auf Tränen hoffen

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Kreiszeitung Syke

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Der eine sucht die Mutprobe, das Balancieren im Handstand auf einem luftigen Turmgeländer. Der andere, obgleich durchaus von athletischer Konstitution, bleibt lieber am Boden. Zwei Freunde, zwei grundverschiedene Charaktere, zwei gegensätzliche Erwartungen ans Leben und an den Tod.

Dem Schriftsteller Robert Musil dient dieses Gegensatzpaar als Vorlage für seine großartige Erzählung „Die Amsel“, eine Parabel auf die urbane Zivilisation des beginnenden 20. Jahrhunderts. Und vielleicht auch auf den Nährboden eines Krieges. Als solchen zumindest muss man den Text verstehen, wenn er in einen Sammelband integriert wird, dessen Titel „Über den Feldern – der Erste Weltkrieg in großen Erzählungen der Weltliteratur“ (Manesse Verlag) lautet.

Tatsächlich kommt der Krieg ja auch deutlich genug zur Sprache in diesem Wiedersehen der beiden Jugendfreunde „Aeins“ und „Azwei“. Letzterer, der mutige Freiluftakrobat, wird gar nicht müde, seinem immer schon mehr auf Sicherheit bedachten Freund vom Krieg zu erzählen. Von seiner existenziell inspirierenden Nahtod-Erfahrung insbesondere: jener Sekunde, in der ihm auf dem Schlachtfeld das Herabsausen eines sogenannten Fliegerpfeils, einer tödlichen Waffe, bewusst geworden war. Ein „sonderbares, nicht im Wahrscheinlichen begründete Empfinden“ habe sich seiner bemächtigt: „Er trifft!“ Und wenn auch mit dieser Erwartung das voraussichtliche eigene Ableben verbunden war, so sei sie ihm doch keineswegs „wie eine schreckende Ahnung“ erschienen, sondern als „noch nie erwartetes Glück“.

Es sind zwei grundverschiedene Perspektiven, die in Musils Erzählung sichtbar werden: beide als Ausdruck einer vom Frieden gesättigten, verwöhnten Generation. Die eine ist die dankbare, jene, die sich früh arrangiert mit einem Leben in gesicherten Verhältnissen. Die andere ist die archaische, jene, die das Bedrohliche als Glück begreift, die den Tod fühlen will, um an das Leben glauben zu können. Ist Krieg letztlich nichts weiter als Ausdruck dieser Sehnsucht nach Wirklichkeitserfahrung?

Es ist für diesen Band bezeichnend, dass Musils Erzählung das Kriegsgeschehen, einer fiktiven Figur in den Mund gelegt, nur mittelbar wiedergibt. Nicht von Giftgasangriffen und Artilleriebeschuss handeln die hier zusammengetragenen Texte, sondern von Wahrnehmungen und Befindlichkeiten der Zivilgesellschaft: Marcel Proust statt Erich Maria Remarque, Stefan Zweig statt Ernst Jünger.

Entsprechend dezent nähert sich das Buch seinem gewichtigen Thema an. Es dominieren Szenen familiärer Idylle: der Krieg als Kinderspiel mit Bumm und Peng unterm Wohnzimmertisch. Saki (Pseudonym für den britischen Autor Hector Hugh Munro) beschreibt das Bemühen eines Vaters, den Kleinen einmal etwas anderes zu schenken als die begehrten Zinnsoldaten und Kriegsgeräte. Kleine Verwaltungsangestellte etwa, die friedlich ihrer Arbeit nachgehen. Ein Spielparlament, in dem man hitzige Debatten und wichtige Abstimmungen nachbilden kann. Und Einfamilienhäuser mit städtischen Mülltonnen vor der Tür.

Doch dann schleicht er sich heimlich ans Kinderzimmer heran, neugierig darauf, wie schön sie wohl spielen mögen mit all den schönen Sachen. Da sieht er durch den Türspalt die Zivilisten in Reih und Glied zur Schlacht bereit, aus den städtischen Mülltonnen sind Geschützmündungen geworden, und über alldem spritzt in rauen Mengen blutrote Tinte.

Besonders eindrücklich bringt Eduard von Keyserlings Erzählung „Im stillen Winkel“ die seelische Zerrüttung der Kinder im wilhelminischen Zeitalter zur Geltung. Ihr Held, der schmächtige Paul, wird desto kränklicher und verzweifelter, je unverhohlener sein herrischer Vater ihm sein allgemeines Missfallen über diese schwächliche Konstitution bekundet. Als der Vater zur Verteidigung des Reichs in den Krieg zieht, hat der Sohn Tränen des Anstands zu weinen, obgleich in diesem Vater doch auch jene Instanz das Haus verlässt, die ihm tagtäglich die eigene Nichtigkeit vor Augen hält. Lernend, dass Tränen nur für denjenigen vergossen werden, der kämpft und fällt, bricht Paul bald selbst auf: ein kleiner Junge auf dem Weg zur Front.

Es sei der Vorzug eines weltliterarischen Panoramas, heißt es in einer beigefügten editorischen Notiz, eine „Vielzahl an Perspektiven mit einbeziehen und unterschiedlichste Kriegsrealitäten miteinander kontrastieren zu können“. Dem vorliegenden Band gelingt das auf herausragende Weise, mit einer Werkauswahl, die ebenso originell wie erhellend ist.

„Über den Feldern – Der Erste Weltkrieg in großen Erzählungen der Weltliteratur“, hrsg. v. Horst Lauinger, Manesse Verlag: Zürich 2014; 784 Seiten; 29,95 Euro.

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