Markus Poschner im Gespräch über Richard Wagner und Alban Berg

„Extremer kann man kaum schreiben“

„Jede Aufführung ist anders“: Markus Poschner. - Foto: Daniel Vass
+
„Jede Aufführung ist anders“: Markus Poschner.

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Nur noch acht Monate, dann geht Bremens Generalmusikdirektor Markus Poschner nach Linz zum dortigen Bruckner-Orchester. Bis dahin markiert jedes einzelne Konzert die zentralen Themen seiner erfolgreichen zehnjährigen Bremer Arbeit. Sonntag zieht er mit den Bremer Philharmonikern das Resumee seiner Beschäftigung mit dem Werk Richard Wagners, das seinen Höhepunkt mit einer faszinierenden Einstudierung von „Parsifal“ erreichte. Vier Stücke aus der „Götterdämmerung“ stehen auf dem Programm, dazu Alban Bergs „Drei Stücke für Orchester“ op. 6.

Herr Poschner, Sie haben im Laufe der Zeit einen Wagnerschwerpunkt aufgebaut, den Sie mit „Parsifal“ abgeschlossen haben. Können Sie diese Entwicklung in Bezug auf Strukturverständnis und Klangfarben beschreiben?

Markus Poschner: Wir wollten Wagner für die Bremer Bühne neu vermessen und neu verorten. Wir haben ein Theater mittlerer Größe und ein traditionsverbundenes Orchester, das mit den Spielweisen des 19. Jahrhundert sehr vertraut ist. Wie kann ich also die Parameter – Phrasierung, Dynamik, Artikulation, Klangfarbe – neu verstehen? Wagners Musik hat auch sinfonische Dimensionen, und das verleitet oft zu Verunstaltung des eigentlichen Sinns. So haben wir experimentiert: andere Tempi, Belcanto-Sänger, mehr Flexibilität, andere Orchesterposition.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Poschner: Ich bin dabei vor allen Dingen auf zwei Dokumente gestoßen: einmal die Notizen Heinrich Porges', der Assistent Richard Wagners in Bayreuth war und sämtliche Probenkommentare des Meisters dokumentiert hat. Und zum anderen Wagners Notizen die Besetzungswünsche der Sänger betreffend – er verlangte allesamt Stimmen aus dem Belcanto-Fach. Das Wagner-Fach ist ja eine Erfindung der Neuzeit. Diese Informationen entlarven viele liebgewonnene Klischees und erlauben einen anderen Blick auf die Partituren.

Lässt sich die „Götterdämmerung“ als eine Geschichte des Machtmissbrauchs, als eine Geschichte des Untergangs einer Welt lesen, und hat das Auswirkungen auf die Interpretation einer konzertanten Aufführung?

Poschner: Ich kann einen solchen Interpretationsrahmen hier nicht einbringen. Bei uns sind die vier Stücke eher eine Art dramatischer Sinfonie. Die Deutung des Gesamtwerks spielt also eine nicht so große Rolle. Ich versuche, Morgendämmerung, Siegfrieds Rheinfahrt, Siegfrieds Trauermarsch und Brünnhildes Schlussgesang unter einen großen Spannungsbogen zu bringen. Einen anderen Zugriff habe ich nicht.

Lars von Trier hat seinen Regieauftrag in Bayreuth zurückgegeben, weil er zu dem Ergebnis kam: keine Deutung!

Poschner: Richtig. Von Trier meinte, so wie ich es verstand, vor lauter Rezeptionsgeschichte keinen Boden mehr sehen zu können. Wir müssen tatsächlich begreifen, dass wir nur verantwortlich sind für den Text und nicht für die Ideen der anderen. Es ist ziemlich schwierig, sich da frei zu machen. Außerdem verändert sich jede Aufführung mit dem Publikum, das die Atmosphäre und die Spannung mitbestimmt

Wagners sogenannter Tristan-Akkord mit seiner Nichtauflösung hat Jahre später über Arnold Schönberg zur Auflösung der Tonalität geführt. Gibt es da eine Beziehung zum Schönberg-Schüler Alban Berg, dessen frühe Orchesterstücke Sie Sonntag ja auch spielen?

Poschner: Ja, natürlich! Aber dazwischen ist noch Gustav Mahler. Die Musik von Berg ist nicht denkbar ohne Wagner. Wagner hat nahezu alle musikalischen Parameter ins Extreme geführt. Berg geht noch einen Schritt weiter, er öffnet die Bühne dem Übermenschlichen, dem Geräusch und dem Unsichtbaren. Seine Musik ist auch Musik über die Wirklichkeit und deren Wahrnehmung.

Berg hatte in Amsterdam Schönbergs „5 Orchesterstücke op. 16“ gehört. Der Marsch daraus wurde wenige Tage vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs vollendet. Ist das ein „Marche Macabre“? Und hat er etwas zu tun mit dem Wagnerschen Trauermarsch?

Poschner: Das ist schon möglich, aber vor allen Dingen hat er mit der sechsten Symphonie von Mahler zu tun, dessen berühmten „Hammerschlag“ Berg auch verwendet. Seine Musik hat unendlich viel mit Zeitgeschichte zu tun, mit dem Erleben der Welt, in der er lebt. Wagner träumt immer nur von einer anderen, einer besseren Welt, die tatsächliche beleidigt ihn. Berg ist durch und durch Kind seiner Zeit. Der Walzer hängt bei ihm schief, kommt aus dem Tritt, ist krank, ist monströs. Berg verlangt martialische Spielarten: Extremer kann man mit traditionellen Mitteln kaum schreiben. Es ist demolierte Musik, Endzeitmusik, und damit sind wir wieder bei Brünnhildes Schlussgesang: Weltuntergangsstimmung.

Konzerte Sonntag um 11 Uhr und am Montag um 20 Uhr in der Glocke, Bremen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Fotostrecke: Erstes Werder-Training in der Coronavirus-Krise

Fotostrecke: Erstes Werder-Training in der Coronavirus-Krise

Autos, Bier und Zigarren - Wer "Corona" alles im Namen trägt

Autos, Bier und Zigarren - Wer "Corona" alles im Namen trägt

Auto fahren in Corona-Zeiten

Auto fahren in Corona-Zeiten

So motzen Sie Ihr Fahrrad auf

So motzen Sie Ihr Fahrrad auf

Meistgelesene Artikel

Theaterabend vor dem Computer: Online beim dritten Gong

Theaterabend vor dem Computer: Online beim dritten Gong

Antenne Bayern und Bayern 3 verlieren zahlreiche Hörer - anderer BR-Sender gewinnt

Antenne Bayern und Bayern 3 verlieren zahlreiche Hörer - anderer BR-Sender gewinnt

Yung Kafa und Kücük Efendi: Die neuen Sterne am deutschen Rap-Kosmos - So gut ist ihr Mixtape „Dickicht“

Yung Kafa und Kücük Efendi: Die neuen Sterne am deutschen Rap-Kosmos - So gut ist ihr Mixtape „Dickicht“

Kommentare