Glen Hansard lotet Klang des Hamburger Konzerthauses aus

Experiment Elphi

Glen Hansard (l.) in der Elbphilharmonie. Foto: Ulla Heyne

Hamburg - Von Ulla Heyne. Wo hat Glen Hansard nicht schon überall gespielt: auf den Straßen von Dublin, in Kneipen, in kleinen und später größeren Clubs, vor der Kamera (in den „Commitments“ und „Once“), auf Festivals wie vor zwei Jahren dem Summer’s Tale oder im Herbst in einem Zirkuszelt in der irischen Pampa. Aber in der Elphi? Dem inzwischen ergrauten Lockenkopf war wohl selbst nicht ganz wohl angesichts des förmlichen Settings für den Gig, der – wie Amsterdam am Vorabend – innerhalb einer Stunde ausverkauft war. „Wir sind gewarnt worden“, so der 48-Jährige, „gut, dass ihr so locker seid.“

Lockerheit ist natürlich relativ. Dass getanzt wird, selbst bei rockigen Nummern wie „Didn’t He Ramble“, ist, trotz des guten Willens vieler Fans, kaum denkbar. Lediglich ein paar Zwischenrufer lassen die Pub-Atmosphäre aufkommen, die dem 48-Jährigen so gut zupass kommt. Warum macht der das?

Eigentlich hätte an diesem Tag das neue Album „This Wild Willing“ herauskommen sollen; die Tour zur neuen Scheibe, aus der anfangs einige Stücke zu hören sind, folgt erst im April. Dass es keine Release-Party gibt, sei dem Song „I’ll Be You, Be Me“ geschuldet, dessen Beats aus einer Session von Queen und David Bowie stammen. Was tun, wenn schon alles abgemischt ist? Man fragt Brian May um Erlaubnis – „und der ist einfach nicht ans Telefon gegangen!“, erklärt Hansard die vierwöchige Verspätung. Es soll nicht die letzte denkwürdige Ansage des begnadeten Geschichtenerzählers sein.

Auch in den neuen Songs geht es um menschliche Verwirrungen („Fool’s Game“) , darum, wo man hingehört, um Emotionen zwischen den Stühlen, Trennung, Leiden. Hansard schreit den Schmerz hinaus, keinem bricht das Herz so melodisch wie ihm. Dabei beginnen viele der Songs reduziert, balladesk, um später ins geradezu Bombastische zu eskalieren (wozu auch die Akustik in der Elphi beiträgt). Warum Hansard gleich mit neunköpfiger Band unterwegs ist? Weil er es kann. Gleichwohl: Der Saal der Elphi lässt eher die zart instrumentierten Passagen leuchten – den Zuschauerchor bei „Leave“, das er schelmisch zu „Sneeze“ umdichtet, oder natürlich „Falling Slowly“, für das er einen Oscar für den besten Filmsong bekam und dessen Filmrolle ihn berühmt machte. Das stimmstarke Publikum lässt auch die eigentliche Duo- und spätere Lebenspartnerin Markéta Irglová nicht vermissen und sorgt für einen dieser heute seltenen magischen Momente.

Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, den irischen Barden auf Balladen zu reduzieren. Vielseitig und facettenreich gibt sich Hansard mit rockigen Songs wie dem von Hamburger Freunden und dem Klang des Hafens inspirierten „Fitzcarraldo“ oder dem bluesig-erdigen „Roll On Slow“. Die Songs der neuen Scheibe hat er, das Studio war schon gebucht, die Stücke geschrieben, über den Haufen geworden. Als „Artist in Residence“ traf er zufällig auf die drei Khosravesh-Brüder aus dem Iran. Was tun Musiker, die sich zufällig in Paris treffen? Sie jammen. Für sie hat er Songs wie „Closing Door“ geschrieben, in die sich trotz westlicher Prägung die Saiten- und Flötentöne der Brüdern einfügen, als hätte es nie einen Unterschied zwischen Orient und Okzident gegeben. Ihnen räumt er auch Platz für ein eigenes Stück ein, ebenso wie Iberdette aus Berlin oder seinen hervorragenden Begleitern an Gitarre und Saxophon.

Das Experiment Elphi, so zeigt sich nicht erst zum Ende des knapp dreistündigen Konzerts, scheint aufzugehen. „Feels Like Home“ verkündet der Ire nach einigen Songs. Auch wenn er anfänglich mit „Don’t Settle“, einem Lied aus seinem neuesten Album vor dem Sesshaftwerden gewarnt hatte: Hansard ist musikalisch überall zuhause. Zu verdanken ist es seiner absoluten Hingabe, der Leidenschaft in seiner Performance, auch nach 30 Jahren. Ein schöner Rausschmeißer, der schon Tradition hat: Das gemeinsam angestimmte irische Traditional: „The Auld Triangle“. Das letzte Wort, besser: die letzte Strophe haben – eine schöne Geste zum Weltfrauentag –, die weiblichen Mitglieder der mit vier von neun fast paritätisch besetzten Band.

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