Gottesdienst der zynischen Vernunft: Heiner Müllers „Quartett“in Oldenburg

Ewigkeit als Dauererektion

Noch einmal ist in Oldenburg die große Bühne bereitet für Anna Steffens und Vincent Doddema. ·
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Noch einmal ist in Oldenburg die große Bühne bereitet für Anna Steffens und Vincent Doddema.

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. Auf der Zielgeraden hatte es zuletzt den Anschein, als gehe dem Schauspiel am Oldenburgischen Staatstheater ein wenig die Luft aus. Es sind die letzten hundert Meter eines Ensembles, das sich mit dem Wechsel von Intendant Markus Müller nach Mainz im Sommer dieses Jahres größtenteils auflösen wird.

Und es ist ein Ensemble, das in der Hochzeit dieser Intendanz erstaunliches, mitunter überwältigendes Theater geboten hat. Es gibt viele Namen, die man mit diesem Erfolg verbindet. Zwei davon heißen Anna Steffens und Vincent Doddema, zwei großartige Akteure, denen das Theater noch einmal die große Bühne bereitet. Heiner Müllers Zwei-Personen-Stück „Quartett“ nämlich, das am Freitagabend in der Exerzierhalle Premiere hatte, ist das ultimative Messinstrument für Bühnenpräsenz: Gefragt ist der komplette Schauspieler, kraftvoll, facettenreich und wandlungsfähig.

Regisseur Marc Becker hat dafür einen wohnlichen, geradezu intimen Raum geschaffen. Das Publikum rückt bis auf die Bühnenfläche vor, die Zuschauerränge der Exerzierhalle sind von schwarzen Vorhängen verdeckt. Sogar die Decke ist abgehängt, auf dass kein Wort Richtung Dachgebälk entfliehen kann. Man räkelt sich wahlweise in ausladenden Sofas im Biedermeierstil oder samtbezogenen Rokoko-Stühlen, und wer die letzte Reihe mittig ansteuert, darf sich sogar auf eine Loge mit Vorhang freuen. Allerdings: Da sitzt schon wer. Anna Steffens links, Vincent Doddema rechts, mit Sektglas in der Hand gucken sie neugierig aus ihrem Kasten heraus. Dorthin, wo zwei futuristische stuhlförmige Gebilde im wuchtigen Betongrau die eigentliche Bühne dieses Abends markieren. So lässt sich das Problem von Heiner Müllers rätselhafter Orts- und Zeitangabe – „Salon vor der Französischen Revolution/Bunker nach dem dritten Weltkrieg“ – natürlich auch lösen: Mit Blick aus dem Mobiliar der Geschichte ins Grau der Zukunft. Und mittendrin die Marquise de Merteuil (Steffens) und ihr einstiger Liebhaber Valmont (Doddema), Hauptfiguren aus de Laclos’ Briefroman „Gefährliche Liebschaften“. Müller lässt sie wiederauferstehen, holt sie heraus aus der Freiheit der Erzählung, sperrt sie ein in den Käfig des Theaters: Zwei Bestien der Berechnung, ohne Gefühl und Gespür außer jenem für die Macht. Auf der Bühne sollen sie in ihrem Herrschaftsstreben einander zerfleischen.

Das klingt zwar mehr nach Duell als nach Quartett. Doch zum einen liegen Gegeneinander und Miteinander hier dicht beisammen, zum anderen stehen tatsächlich mehr als nur zwei Figuren auf der Bühne. Die tugendhafte Marie de Tourvel zum Beispiel, treue Gattin des Präsidenten und ausgewähltes Opfer des Verführers Valmont. Und die unschuldige Cécile, wohlerzogene Nichte der Marquise de Merteuil sowie künftige Braut von deren einstigem Geliebten. Ein Opfer Valmonts ist auch sie, wenngleich nur mittelbar: Ist ihm doch ihre Schändung nichts weiter als ein Gefälligkeitsakt für Merteuil, die an ihrem Verflossenen Rache nehmen will. Wir begegnen diesen beiden als Imaginationen ihrer Peiniger, von der Marquise und Valmont in zynischem Spiel lustvoll parodiert.

In Oldenburg wird dieses Spiel zu einem Triumph der Ratio. Mit Andeutungen aus dem Fundus der erotischen Körpersprache suggeriert Merteuil Sinnlichkeit, nur um sie gleich darauf in geschliffener Rhetorik als bloße Codes zu entlarven: eingeübt und angewendet, um zu herrschen, nicht zu lieben. Derweil räsoniert Valmont nicht weniger wortgewandt über den Sinn des Menschseins. Das heißt: Von einem Räsonieren kann in Doddemas Spiel kaum die Rede sein, vielmehr von einer Verkündigung der unzweifelhaft erlangten Wahrheit – nämlich jener, dass dieses Menschsein auf kein anderes Ziel gerichtet sein kann als die Zeit totzuschlagen. „Ewigkeit als Dauererektion“, lautet das Motto. Es ist der Menschheitstraum von der Unsterblichkeit, den diese Figuren in ihrer intellektuellen Kompetenz verwirklicht glauben. Unter der Herrschaft des Intellekts ist das Gefühl zu einer Schwäche verkommen, welcher allenfalls der Naive noch verfällt.

Steffens und Doddema lassen in diesem Gottesdienst der zynischen Vernunft die seelische Leere ihrer Figuren sichtbar werden: ein Vakuum, das sich auftut zwischen der demonstrativen Geringschätzigkeit des romantischen Erbes einerseits und einer umso extremeren Ausformung des Trieblebens andererseits. In Merteuils und Valmonts Verzweiflung an der Kälte des rationalen Arguments manifestieren sich Perversionen von Sexualität und Machtstreben. Das ist eine spannende Lesart dieses Klassikers, auf grandiose Weise szenisch verwirklicht und von einem Regisseur gestützt, der sich auf eine wunderbar dezente Formsprache beschränkt. Ja, so sahen sie aus, die großen Abende in dieser zur Neige gehenden Ära: eine beglückende Erinnerung an die beste Zeit dieses Theaters.

Kommende Vorstellungen:

20., 22. und 27. Februar sowie 1. und 4. März, jeweils 20 Uhr, Exerzierhalle Oldenburg.

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