Bücher im Darwin-Jahr, Teil 3: Ernst Peter Fischer irritiert mit abwegigen Thesen

Evolution erklärt Leben, aber nicht Kunst

Kreiszeitung Syke

Von Johannes BruggaierSYKE (Eig. Ber.) · Wie verlockend: Nachmittags schnell mal die Evolution durchpauken und abends im Party-Small-Talk mit Kenntnissen der Naturwissenschaft protzen. Ernst Peter Fischer macht es möglich. Sein rund 200 Seiten dünnes Buch „Der kleine Darwin“ (Pantheon Verlag) erklärt biografische Hintergründe, historische Rahmenbedingungen, Schlüsselbegriffe, Gegentheorien und Folgen der Evolution.

In leicht verständlicher aber keineswegs unterfordernder Sprache zeichnet Fischer das theologisch durchtränkte Weltbild des beginnenden 19. Jahrhunderts nach: eine Auffassung, die unter anderem im „Uhrmacherargument“ von William Paley begründet war. Wer in der Natur eine Uhr finde, so die Beweisführung des britischen Theologen, werde auf keinen Fall annehmen, dass sich deren komplexe Mechanik rein zufällig zusammengefunden habe. Entsprechend sei auch angesichts der Komplexität natürlicher Phänomene von dem Werk eines gewaltigen „Uhrmachers“, in diesem Fall Gottes, auszugehen.

Überzeugender erscheint da aus heutiger Sicht die These von Jean Baptiste Lamarck, der zwar gleichfalls den Zufall verneinte, jedoch immerhin eine Entwicklung erkennen wollte. Dass die Giraffe über ihren langen Hals verfüge, habe sie demnach ihren ständigen Streckbemühungen zu verdanken: Irgendwann genügten seine Ausmaße, um an die oberen Blätter in der Baumkrone zu gelangen. Charles Darwins Gegenentwurf zu dieser Theorie ist eine Welt voller Zufälle, in denen Vögel unversehens andere Funktionsformen ihrer Organe entdecken und Insekten mit Hilfe eines Mutationsgens vollkommen neue Körperteile entwickeln.

Informierend und gleichermaßen unterhaltsam muten Fischers Darlegungen an. Gleichwohl ist Vorsicht geboten. Eine unkritische Abhandlung über die Epigenetik etwa, wonach erlernte Eigenschaften in das genetische Erbgut übergehen können, scheint gewagt: Eine kurze Recherche in der einschlägigen Fachliteratur genügt, um auf erhebliche Zweifel an dieser Theorie zu stoßen. Als Hochgradig problematisch erweist sich Fischers Sicht auf die Geschlechterrollen. Demnach genießen Jungen aus Evolutionsgründen in der Schule erhöhte Aufmerksamkeit, Mädchen hingegen leiden unter mangelndem Selbstvertrauen. Sämtliche Studien der jüngeren Zeit belegen das Gegenteil.

Erschreckend schließlich ist Fischers Versuch, das menschliche Interesse für Kunst und Kultur wissenschaftlich zu begründen. Das laut Kants Definition „interessenlose Wohlgefallen“ soll hier einem natürlichen Interesse untergeordnet werden: ein Widerspruch in sich, dessen Scheinlösung denkbar naiv ausfällt. Der dauernde Überlebenskampf nämlich erzeuge einen „Dauerstress“, dem die Evolution die „Lust“ entgegensetze. Eine „vielfach belastete Seele“, resümiert der Autor, entspanne sich „im Glücksgefühl und bei der Lust.“

Goethes „Faust“ zur Entspannung? Celans „Todesfuge“ für ein Glücksgefühl? Picassos „Guernica“ für die Lust? Offenbar lässt sich doch nicht alles auf 200 Seiten erklären. Irgendwie ist das auch wieder beruhigend.

Ernst Peter Fischer: „Der kleine Darwin – Alles, was man über Evolution wissen sollte“, Pantheon Verlag: München 2009; 206 Seiten; 9,95 Euro.

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