Europäische Tragikomödie: Am Theater Bremen rollt Dušan David Parízek den „Fall Schwejk“ auf

Freibier am Strafgerichtshof

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Grundkurs im Salutieren: Während General Fink (Martin Baum, l.) sich mithilfe seines Gürtels abhärtet, stehen seine Verhandlungspartner stramm.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Natürlich war Krieg schon immer nicht nur grausam, sondern auch lächerlich. Das gilt insbesondere für sein Pathos, mit dem ja ausgerechnet das Versagen jeder dialektischen Konfliktlösung gefeiert wird.

Ein tschechischer Dichter hat diese Absurdität im zeitlichen Umfeld des Ersten Weltkriegs auf so nachdrückliche Weise zur Geltung gebracht, dass sein Werk für die Bühne bearbeitet, von Brecht antizipiert und mit Heinz Rühmann verfilmt wurde. Heute noch gilt der Schelmenroman „Der brave Soldat Schwejk“ als Standardwerk des tschechischen Schulunterrichts. Es geht darin um einen gewitzten Soldaten der kaiserlichen Armee Österreich-Ungarns, der sich zwar ausführlich für Spaß und Schnaps interessiert, aber herzlich wenig für die politischen und strategischen Hintergründe seines Kriegseinsatzes. Der Mensch hat jeden Sinn und Zweck des angeblich für ihn und sein Vaterland begonnenen Schlachtens längst aus dem Auge verloren, zur Spielfigur fremder Interessen degradiert, nimmt er sich, was er kriegen kann: Krieg im Europa des

20. Jahrhunderts.

Krieg im Europa des 21. Jahrhunderts läuft ähnlich und doch anders. Sinn und Zweck des Schlachtens stehen mehr infrage denn je, doch statt zwischen Prag und Budweis findet es nun im Fernsehen statt. Der Krieg wird nicht mehr erlebt, sondern bequatscht, in Talkrunden und Sondersendungen.

Insofern erscheint es nur plausibel, wenn der tschechische Regisseur Dušan David Parízek den Schelmenroman aus der Talkshow-Perspektive auf die Bühne bringt. In „Kauza Schwejk / Der Fall Svejk“ sitzen Militärs aus Österreich, Tschechien und Ungarn über den Soldaten zu Gericht. Zur Debatte steht, ob und wie Schwejk für seine Verfehlungen bestraft werden soll: eine Art Symbiose aus „Maybrit Illner“ und internationalem Strafgerichtshof.

Weil die Betonung dabei auf „international“ liegt, wird nicht nur Deutsch gesprochen an diesem Abend, sondern auch Tschechisch und Ungarisch. Und nicht allein in Bremen ist dieses Stück zu sehen, sondern auch in Wien – bei den Festwochen im vergangenen Sommer. Damals waren die Kritiken eher durchwachsen, vorgeworfen wurde der Inszenierung Textlastigkeit und Monotonie.

Tatsächlich gibt schon das Bühnenbild eine bürokratische Grundstimmung vor. Oben hängen Dokumente mit Überschriften wie „Strafrecht“ oder „Heerwesen“ vom Schnürboden herab, hinten warten Schreibtisch und Overheadprojektor auf ihren Einsatz. Zu schaffen macht sich daran ein eifriger Kadett (Peter Fasching). Dessen Name Adolf Biegler weist verdächtige Ähnlichkeit mit einer düsteren Figur der Zeitgeschichte auf. Dass er selbst eher biederen Charakters ist – ein obrigkeitsscheuer, pflichtbewusster Emporkömmling – muss dabei kein Widerspruch sein: Im Ersten Weltkrieg war der spätere Diktator ja auch noch ein kleines Würstchen.

Vom cholerischen General Fink (Martin Baum) jedenfalls lässt sich Biegler nur allzu bereitwillig in der korrekten Aussprache exotischer Kriegsschauplätze schulen. „Presznysl“, schnarrt Fink mit tiefer Stimme und presst derweil Bieglers Hand an seine Kehle: „Spüren sie‘s?“ Ausspracheregeln: Um solche Details kümmert man sich, wenn der Krieg aus der rauhen Wirklichkeit längst in mediale und digitale Sphären entschwunden ist.

Als dann eine Dame in Uniform eintritt und sich lässig als „Oberleutnant Lukášová“ (Ivana Uhlírová) vorstellt, folgt dem Sprach- der Salutierkurs. Hand gerade, Daumen eingeschlagen, Zeigefinger knapp über der Augenbraue: So hat man sich einem General vorzustellen, Frau Lukášová!

Zur Sache selbst ist nur zu sagen, dass Schwejk, der persönlich an diesem Abend nicht zugegen ist, gehängt gehört. So jedenfalls sieht es der schneidige General Fink, ganz offenkundig, weil eine richtig schöne Hinrichtung in Kriegszeiten ganz einfach dazugehört. Wie dagegen Oberleutnant Lukášová das sieht, ist weniger eindeutig zu ermitteln. Ihre tschechische Kaskade Richtung Fink lässt den General ratlos zurück: „Was hat sie gesagt?“ Sie habe gesagt, erklären die zwischenzeitlich herbeizitierten tschechischen Militärs Marek und Vanek (Vladimír Javorský und Jirí Cerný), „dass wir Ochsen sind“. „Wir“: also die Tschechen – nicht Finks Österreicher. Wer‘s glaubt.

Mehr als zwei Stunden zieht sich diese aus Nichtigkeiten und Neckigkeiten bestehende „Verhandlung“ hin, ohne dass je ein Urteilsspruch oder auch nur eine konkretere Einschätzung des „Falls Schwejk“ absehbar wäre. Das könnte in der Tat „textlastig“ und „monoton“ wirken, tut es aber nicht.

Denn in den so verschiedenen Charakteren spiegeln sich verschiedene Kulturen. In den verschiedenen Kulturen aber zeigt sich die Tragikomödie Europas: die unendliche Geschichte von den Völkern, die lieber miteinander kämpfen wollen als gegeneinander, dabei aber nicht einmal wissen wofür. Die deshalb vor dem Kämpfen erst einmal sprechen, das aber aneinander vorbei. Und es nicht einmal merken.

Ja, das zieht sich am Ende ein wenig in die Länge, und eine Straffung um manche Anekdote hätte dem Abend wohl nicht geschadet. Doch angesichts hervorragender darstellerischer Leistungen lässt sich darüber leicht hinwegsehen. Timing, Ausdruck, Pointensicherheit – es stimmt alles zwischen diesen Akteuren so unterschiedlicher Herkunft. Herausragend sind dabei insbesondere die beiden Bremer: Martin Baum als kriegsbegeisterter Überzeugungstäter und Peter Fasching als opportunistischer Bürokrat, der dem General nach dem Munde zu reden versteht.

Und wen das über die Handlungsarmut so gar nicht hinwegzutrösten vermag, der darf sich wenigstens einer freundlichen Bewirtung erfreuen. „Pause oder Gulasch“, blafft General Fink das Publikum an, da werden hinten schon Töpfe und Bierkisten auf die Bühne geschleppt. Nicht genug: Das Bier ist nach fünf Minuten ausgegangen.

Kommende Vorstellung von „Kauza Schwejk / Der Fall Svejk“: am 15. Dezember um 19.30 Uhr am Theater Bremen, Großes Haus.

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