Macherinnen im Interview

„Let‘s Talk About Sex“ lädt zum Gespräch: „Es gibt keine Sprache dafür“

„Wir üben das immer noch“ – Klara Landwehr (l.) und Frauke Schußmann wollen über Sex sprechen.
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„Wir üben das immer noch“ – Klara Landwehr (l.) und Frauke Schußmann wollen über Sex sprechen.

Bremen – Seit vergangenem Jahr laden die Bremer Sexualwissenschaftlerinnen Frauke Schußmann und Klara Landwehr dazu ein, über Sex zu sprechen. Am Dienstag ist es wieder so weit.

Im Interview erklären die Initiatorinnen der Gesprächsreihe, warum es wichtig ist, über Sex zu reden, und wie so ein Abend abläuft.

Wir leben in einer sehr sexualisierten Gesellschaft. Muss man da überhaupt noch ein Format anbieten, in dem über Sex geredet wird?

Frauke Schußmann: Wir haben beide Angewandte Sexualwissenschaft studiert und festgestellt, dass wir durch unser Studium einen guten Umgang gefunden haben, darüber zu reden. Wir üben das immer noch, weil es gar nicht so leicht ist. Klar leben wir in einer sexualisierten Umwelt, wir sehen Bilder, Filmausschnitte und Videos, und vieles hat mit Sex zu tun. Aber es gibt eigentlich keine konkrete Sprache dafür, die auch mit dem Eigenen verknüpft ist.

Was ist dieses Eigene?

Schußmann: Das eigene Empfinden und Erleben, das Äußern von Gefühlen, Bedürfnissen und Wünschen, also ein ganz persönliches Sprechen. Unsere Veranstaltung zielt darauf ab, einen Ort zu schaffen, an dem man das ausprobieren kann. Klara Landwehr: Und eben nicht mit einer Person, mit der man das auch ausleben möchte, denn in dem Bereich haben Menschen möglicherweise eine Sprache dafür. Wir merken aber, dass es im Alltäglichen nicht unbedingt besprochen wird. Und wir gehen davon aus, dass es einen Übungseffekt hat, wenn es im öffentlichen Raum weniger Tabu ist, wenn wir gelernt und geübt haben, zu sagen, was für Bedürfnisse wir haben. Schußmann: Vergleichbare Kontexte gibt es eher im Zusammenhang mit Problemen, zum Beispiel in der Sexualtherapie oder in Selbsthilfegruppen. Aber es hat immer einen nichtöffentlichen, problemorientierten Ansatz. Durch meine Arbeit merke ich auch, dass es Menschen schwerfällt, „alles unterhalb der Gürtellinie“ zu benennen. Das hat erst mal gar nichts mit Sex zu tun, aber es sind sexualisierte Körperstellen, und schon dafür die richtigen Begriffe zu kennen und sich trauen, sie zu sagen, ohne dass man in Grund und Boden versinkt, ist für viele Menschen nicht selbstverständlich.

Wie haben Sie diesen Bedarf festgestellt?

Landwehr: Wir arbeiten beide in Beratungsstellen, wo es immer wieder auch um Sexualität geht. Zum anderen merke ich, dass es durch das Studium der Sexualwissenschaft, für mich immer normaler wird, über Sexualität zu sprechen. Dann landet man in einem anderen Kontext und merkt, die Gespräche fangen an zu stocken. Schußmann: Das Bild, das uns vermittelt wird, ist, dass Sex uns in die Wiege gelegt ist. Alle sollen wissen, wie es geht und wie es sich gut anfühlt. Im Sexualkundeunterricht werden nur noch präventive Maßnahmen bezüglich sexuell übertragbarer Erkrankungen und Schwangerschaften vermittelt, dann „kannst du das“ mit dem Sex angeblich.

Danach ist es Privatsache?

Schußmann: Genau und es gibt keine Räume, um sich darüber auszutauschen und Worte für das zu finden, was mir Lust und Freude bereitet, was sich gut anfühlt und was nicht. Unsere These ist, dass wenn Menschen von Kindesbeinen an ihren Körper und dessen Vorgänge benennen können, es eine Selbstermächtigung ist. Ich kann mich zum Beispiel anders gegen Übergriffe wehren, wenn ich wenigstens Worte dafür habe und die nicht schon tabu sind.

Mit der Reihe „Let‘s Talk About Sex“ haben Sie im vergangenen Jahr begonnen. Was passiert da eigentlich?

Schußmann: Die Veranstaltung dauert rund zweieinhalb Stunden. Im ersten Teil leisten wir erst mal viel „Ankommensarbeit“ und schaffen einen Rahmen. Wir erklären viel, was wir uns an Sensibilität für sich selbst und im Miteinander für die Gespräche des Abends wünschen würden. Wir wollen zum einen dafür sensibilisieren, dass es kein sicherer Raum ist, da wir nicht wissen, was gesprochen wird. Wir bitten die Teilnehmenden darum, vorsichtig mit Triggerthemen umzugehen, ihre Redezeit im Blick behalten und so weiter. Das dient einerseits dazu, dass wir eine gemeinsame Basis für alle schaffen und dass die Menschen in diesem Raum ankommen können und gucken, wer überhaupt da ist. Sie müssen also nicht sofort reden. Nach diesem „Sensibilisierungsteil“ gehen wir in einen Input-Teil. Landwehr: Als Input hatten wir einen bisher einen Poetry Slam, ein anderes Mal eine Referentin, die etwas zum Thema sagen konnte. Beim letzten Mal gab es eine Performance. Es ist immer unterschiedlich, aber es ist Futter, über das man sich austauschen kann, wenn man vielleicht nicht gleich mit dem Eigenen anfangen will. Das kann vielleicht auch schon eine Reflexion in manche Richtungen anstoßen.

Wie sehr greifen Sie in die Gespräche ein?

Landwehr: Nach dem Inputteil gestalten wir einen Übergang, wo die Leute angeleitet in Kleingruppen kommen. Wir machen auch eine konkrete Übung, die sich „Warmreden“ nennt, damit die Leute leichter miteinander in Kontakt kommen können. Danach entlassen wir sie in ihre Eigenverantwortlichkeit und greifen nicht in die Gespräche ein. Schußmann: Wir bieten immer einen Rückzugsraum für Einzelpersonen an, falls es das Bedürfnis gibt, sich aus dem Gespräch zurückzuziehen. Außerdem haben wir immer einen umfangreichen Materialtisch, wo Sachen ausliegen, die sich die Leute mitnehmen können. Meistens wird der total „abgegrast“. Nach etwa einer Stunde „Redezeit“ in den Kleingruppen moderieren wir dann die Veranstaltung ab, damit der Abend einen runden Abschluss bekommt.

Wie viele Menschen kommen zu Ihren Abenden?

Schußmann: Das Interesse ist recht groß und wir hatten immer rund 70 Menschen da. Unter den aktuellen Corona-Auflagen wird es aber weitaus weniger Sitzplätze geben.

Der erste Abend der neuen Staffel heißt „Sex & Männlichkeit“. Worum geht es da?

Schußmann: Uns geht es dabei um eine kritische Auseinandersetzung mit Männlichkeit oder auch dem, was in unserer Gesellschaft als männlich gilt. Für uns ist Männlichkeit nicht an körperliche Merkmale geknüpft. Vielmehr ist es eine soziale Konstruktion und bringt Anforderungen mit sich, die an bestimmte Personen gestellt werden und an andere nicht. Wir stellen diese Konstruktion infrage und verknüpfen das Thema mit Sexualität.

An einem weiteren Abend soll es um Sex & Pornografie gehen. Warum haben Sie dieses Thema gewählt?

Landwehr: Pornografie ist heute sehr zugänglich und wird auch schon im jungen Alter konsumiert. Es hat deshalb einen starken Einfluss auf unsere Vorstellung von Sexualität. Man lernt sehr begrenzte Scripte, wie das funktioniert, zum Beispiel, dass Geschlechtsverkehr vaginale Penetration bedeutet. Das hat einen starken Effekt darauf, wie Menschen Sex definieren. Es gibt ein großes Angebot an Pornografie, die gedreht wird, weil man damit Geld verdienen kann, aber es gibt auch Alternativen, Filme von Leuten, die Spaß daran haben, sich Storys ausdenken, wo anständig bezahlt wird und so weiter. Aber das kostet natürlich auch was. Wir wollen da beleuchten, was es für Möglichkeiten gibt, ethisch Pornos zu konsumieren. Wir wollen nicht sagen, dass es schlecht ist, Filme anzuschauen, die einen inspirieren, sondern wie kann ich das machen, ohne ausschalten zu müssen, dass es eigentlich ziemlich furchtbar ist, was ich mir da anschaue, weil die Personen wahrscheinlich keinen Spaß daran haben. Schußmann: Im Mainstream-Porno werden auch viele Machtverhältnisse festgeschrieben. Welche Rolle hat die Frau, welche Rolle hat der Mann? Es ist ein brisantes Thema. Landwehr: Wir haben auch einen politischen, emanzipatorischen Anspruch mit dieser Reihe. Wir bestärken die Leute, sich mit ihrer eigenen Sexualität auseinander zusetzten und umzugehen.

Wenn ich mitreden will – muss ich mich anmelden?

Landwehr: Ja, seit Covid-19 müssen sich Teilnehmende anmelden. Eigentlich sollen die Hürden zur Teilnahme möglichst gering gehalten werden, aber anders lässt es sich gerade nicht organisieren. Der Eintritt ist aber weiterhin frei, wir bitten nur um Spenden. Schußmann: Das ist aber auch sehr freiwillig.

Die Termine:
Dienstag, 6. Oktober: „Sex & Männlichkeit“;
Dienstag, 10. November. „Sex & (jedes) Alter“; 
Dienstag, 15. Dezember: „Sex & Porno“,
jeweils 19.30 Uhr, Schwankhalle, Bremen, oder im Stream unter www.youtube.com/user/Schwankhalle; Eintritt frei,
Anmeldung per Email erbeten unter: ticket@schwankhalle.de.

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