Premieren in Zeiten von Corona: Ein Blick ans Schauspiel Hannover

Es geht auch ohne Reduktion

Egal ob „Don Karlos“ oder „Dance Nation“: Corona zeigt sich zumindest auf der Bühne nicht.
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Egal ob „Don Karlos“ oder „Dance Nation“: Corona zeigt sich zumindest auf der Bühne nicht.

Hannover – Wie begegnet man Corona im Theater? Diese Frage betrifft Organisation, Stückauswahl und inszenatorische Mittel gleichermaßen. Das Schauspiel Hannover hat seine Entscheidungen getroffen und zumindest im Großen Haus nicht ausschließlich auf Reduktion gesetzt. Klar ist das Platzangebot eingeschränkt, und das Haus hat für ein ausgeklügeltes Besucher-Leitsystem sogar einzelne Sitze ausbauen lassen, um jegliche Drängelmanöver zu vermeiden. Aber auf der Bühne sind mit Ausnahme von Wolfgang Lotz‘ „Die Politiker“ keineswegs nur kleine, abgespeckte Besetzungen anzutreffen.

Nun gut, bei „Don Karlos“ finden sich erheblich weniger Personen ein als von Schiller aufgeführt, aber das wäre wohl sowieso der angesagte Zugriff gewesen – man hat jedenfalls nicht den Eindruck, dass die Beschränkung auf sieben Figuren die Handlung nennenswert verändert.

Regisseurin Laura Linnenbaum hat den Beginn als eine Art Herantasten an das Stück inszeniert. Da werden Stühle zurechtgeschoben und auch schon mal eingesprüht – ganz ohne Anspielung auf Corona geht es dann doch nicht, wie alsbald auch ein paar Girlanden um die Darstellung eine Umarmung folgen, die der Text zwar fordert, aber eben nicht umgesetzt werden kann.

All das nimmt nicht überhand, und im weiteren Verlauf soll sich erweisen, dass dieser Stoff das Spiel auf Distanz recht gut verträgt, weil alle Figuren letztlich ihren ganz persönlichen Problemen nachhängen. Schöne Akzente setzen die symbolträchtigen Kostüme von David Gonter: Es gibt viel Schwarz, etwas Gold für (fragwürdigen) Glanz und etwas Rot für (fragwürdige) Macht. Ein weißes Hemd trägt Hajo Tuschy als Marquis von Posa: Das mag für Hoffnung stehen, doch auch die erweist sich als trügerisch – Posa scheitert mit seinem Streben nach einer Änderung der Verhältnisse.

Denn die will König Philipp nicht zulassen. Lukas Holzhausen legt die Figur meist eher pragmatisch als monströs an, was die Wirkung keineswegs mindert. Und zwischen alledem reibt sich der tragische Titelheld auf, der kein Held ist, vom Vater als Weichei verunglimpft und in unglücklicher Liebe zur Stiefmutter befangen. Sebastian Jakob Doppelbauer changiert in dieser Rolle durchaus reizvoll zwischen Unbedarftheit und Verzweiflung. Fazit: ein solider Theaterabend.

Klassikerpflege, Teil zwei: Kleists Lustpiel „Der zerbrochne Krug“ ist coronatechnisch recht dankbar, weil es im Kern eine Gerichtsverhandlung zeigt und keine ausgedehnten Actionszenen vorsieht. Eine wirklich turbulente Zuspitzung gibt es lediglich gegen Ende, eventuell angezeigte Handgreiflichkeiten körperlicher Natur hat Regisseurin Lisa Nielebock durch eine Szene ersetzt, in der das Mobiliar durch die Gegend fliegt – das funktioniert vergleichbar gut.

Das Bühnenbild ist praktisch, die Kostüme sind alltagskompatibel, charakterisieren aber die jeweilige Figur sehr genau. Kurz, die Bühne ist bereitet für das, was gerade bei Kleist die entscheidende Rolle spielt: die Sprache.

Die allerdings muss angemessen bedient werden, und glücklicherweise ist ein kompetentes Ensemble am Start, um die bekannte Geschichte des Dorfrichters Adam umzusetzen, der eine Missetat verhandeln soll und vor dem Problem steht, dass er sie selbst begangen hat. Diese Rolle übernimmt in Hannover mit Werner Wölbern ein hochkarätiger Gast. Nie versucht er, sich in den Vordergrund zu spielen, und überhaupt ist die Inszenierung frei von Überzeichnungen jeglicher Art. Bis zu einem gewissen Grad kann man sich in alle Figuren hineinversetzen.

Bemühte Aktualisierungen bleiben aus und wären auch überflüssig. So ist in knapp 80 Minuten alles erzählt und zwar gut erzählt. Fazit: ein stimmiger Theaterabend.

Neuester Streich ist die Deutschsprachige Erstaufführung von Clare Barrons „Dance Nation“. Eigentlich eine Produktion des „Jungen Theaters“ und für Menschen ab 14 Jahren ausgewiesen, aber von den Thematiken her letztlich doch ein Erwachsenenstück. Deshalb hat die Autorin auch vorgesehen, dass die Hauptfiguren quer durch die Altersschichten besetzt werden sollen, wiewohl sie 11- bis 14-Jährige sind.

Diese Truppe will einen Tanzwettbewerb gewinnen, und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ihr Lehrer ausgerechnet das Leben Gandhis zum Thema macht. Denn nun brechen Konkurrenzkämpfe aus, das Ringen um Individualität und der Wunsch nach Gemeinschaft erweisen sich als nicht immer kompatibel. Dazu kommen alle möglichen altersbedingten Fragen von Masturbation bis Menstruation.

Da gibt es witzige und auch anrührende Momente; es spielt tatsächlich keine Rolle, dass eine Darstellerin 66 Lenze zählt, und das beim Tanzen ja besonders schwer umzusetzende Berührungsverbot macht sich ebenfalls nicht negativ bemerkbar.

Stephan Kimmig hat seine Inszenierung auch nicht krampfhaft auf jugendlich getrimmt, allerdings ist die Produktion zuweilen arg knallig und gegen Ende streckenweise diffus gestaltet – als Belohnung fürs Durchhalten folgt dann wiederum ein sehr schönes Schlussbild. Fazit: ein durchwachsener Theaterabend.

Von Jörg Worat

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