Gefährliche Längen: Christian Stückl inszeniert in der Staatsoper Hamburg Richard Strauss‘ „Ariadne auf Naxos“

Erst pathetischer Spaß, dann zahm und zahnlos

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Kaum Bühnenpräsenz: Hayoung Lee als Zerbinetta in „Ariadne auf Naxos“. ·

Von Markus WilksHAMBURG · Es ist ein Experiment voll gehässiger Schadenfreude: Künstler unterschiedlicher Genres werden spontan dazu genötigt, ihre Stücke gleichzeitig aufzuführen.

In seiner Oper „Ariadne auf Naxos“ zeigt uns Richard Strauss, dass eine Synthese der Künste und Kunstauffassungen irgendwie schon funktioniert, funktionieren muss – zumindest theoretisch, denn in der Premiere an der Staatsoper Hamburg hakte es an gewissen Stellen. Mit sanfter, sympathischer Ironie und geschickt gängiges Opernpathos hinterfragender Personenführung gelang Regisseur Christian Stückl im ersten Teil der „Ariadne auf Naxos“ ein unterhaltsamer Spaß.

Da sind die Ängste des jungen Komponisten, der nervös die Aufführung seiner heroischen Oper „Ariadne“ erwartet und zunächst die Eifersüchteleien der Primadonna und des Tenors ertragen muss. Dann wird er noch damit konfrontiert, dass die Tanzmaskerade „Zerbinetta und ihre Liebhaber“ mit seinem hehren Werk gemixt werden soll. Da ist auch der Musiklehrer, der seinen Schüler in dieser Situation nicht angemessen beraten kann, wohingegen Zerbinettas Truppe gelassen auf den eigenen Einsatz wartet. Ausstatter Stefan Hageneier hat einen drehbaren Bühnenrahmen auf die Staatsopernbühne gebaut, der als Spielort völlig ausreicht und später um einen wunderschönen Sternenhimmel bereichert wird.

Im zweiten Teil, der eigentlichen Oper, erinnern Zuschauer, die auf der Bühne Platz nehmen, und kleinere Auftritte des Personals aus dem ersten Teil daran, dass alles nur ein Spiel ist. Doch haben viele Regisseure vor Christian Stückl die von Strauss so nicht beabsichtigte Vernetzung der beiden Abschnitte szenisch ansprechender und dramaturgisch überzeugender realisiert. Zudem entpuppen sich die von Richard Strauss und seinem Librettisten Hugo von Hofmannsthal ironisch erwähnten „gefährlichen Längen“ als reale Stimmungsdämpfer. Das Wechselspiel zwischen Ariadnes Todessehnsucht und den Aufmunterungen durch die lebenslustige Zerbinetta findet kaum statt, Zerbinettas Einschübe dehnen das Werk anstatt es zu verdichten. Und der Auftritt von Ariadnes Retter (der Gott Bacchus) besitzt eher unfreiwillig komische Züge, erinnert doch das rote, hereingerollte Schiff mit Kapitän Bacchus an den Auftritt von Wagners fliegendem Holländer. Immerhin inszenierte Christian Stückl, bekannt als Salzburger „Jedermann“-Regisseur, nie gegen die Musik, sodass er für seine gefällige, optisch durchaus reizvolle Produktion einige Bravos bekam.

Mit deutlichen Buhrufen abgestraft wurde Simone Young, wohl nicht nur wegen ihrer eigenwilligen Interpretation. Sie suchte mit den bereitwillig folgenden Hamburger Philharmonikern das Liedhafte in der Partitur, was nicht nur schöne Details und überraschende impressionistische Klangfarben mit sich brachte, sondern oft auch ein zu deutliches Verharren. Selten klang ein „Ariadne“-Orchester so gezähmt und manchmal leider auch zahnlos wie jetzt in Hamburg. Heterogen auch der Eindruck, den das Sängerensemble hinterließ. In der Titelpartie setzte Anne Schwanewilms sehr erfolgreich den „intimen“ Interpretationsansatz der Dirigentin fort und übertrug Ariadnes Todessehnsucht mit ihrem markanten Sopran in fein abgestufte, verinnerlichte Klangwelten voll Spannung und Schönheit.

Bühnenpartner Johan Botha ist einer der wenigen Tenöre weltweit, die mit der unbequemen Partie des Bacchus keinerlei Probleme haben, sodass man die Geradlinigkeit seines Gesangs gerne akzeptierte. Dank ihrer Präsenz und des engagierten Spiels täuschte Cristina Damian (Komponist) darüber hinweg, dass sie ihrem grundsoliden Mezzo alles abfordern und manchmal forcieren musste, um den Raum zu füllen.

Ein stimmliches Phänomen war wieder einmal der fast 75-jährige Franz Grundheber (Musiklehrer), ein Versprechen für die Zukunft ist Levente Páll (Haushofmeister). Nur eingeschränkt überzeugen konnten die sieben Solisten der Komödiantentruppe und der Nymphen. Da Hayoung Lee die koloraturgespickten Noten der Zerbinetta nur mit Mühe und deutlichen Intonationsschwächen bewältigen konnte und sie im Vergleich zu Ariadne und Komponist kaum Bühnenpräsenz besaß, fehlte an diesem Abend das nötige Gegengewicht, mit dem das Stück funktioniert. Die Kernthematik der Oper, die Vermischung und Gegenüberstellung von Musikwelten und Charakteren, fand damit kaum eine optische Umsetzung.

Weitere Vorstellungen: am 17., 20., 23. und 30. Mai, jeweils um 19.30 Uhr in der Staatsoper Hamburg.

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