Des Dichters hausgemachte Erkenntniskrise: Günter Blamberger legt eine eindrucksvolle Biographie über Heinrich von Kleist vor

Erst kein Glück, dann auch noch keine Wahrheit

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Kreiszeitung Syke

Syke - Von Johannes BruggaierDie größte Überraschung dieser Biographie ist vielleicht, dass sie mit der Kindheit anfängt und mit dem Tod endet. Man sollte das eigentlich für selbstverständlich halten, nicht aber bei einem Buch über Heinrich von Kleist.

Dessen Biografen haben schon immer eine ausgeprägte Neigung zum Rückwärtserzählen erkennen lassen. Es ist ja auch nur allzu verführerisch, diesen widersprüchlichen Geist von seinem spektakulären Ende her zu interpretieren: sein Selbstmord als Ausdruck lebenslanger Melancholie und Depression. Doch Kleist ist komplizierter.

Günter Blamberger beginnt beim Anfang und damit bei einem jungen Preußen und angehenden Soldaten: einem Mann, der sein Leben einer natürlichen Ordnung unterworfen sieht und noch an die grundsätzliche Möglichkeit allgemeingültiger Erkenntnisse glaubt. In einem Aufsatz definiert der 21-jährige Kleist den vermeintlich „sichern Weg“ zum Glück, argumentiert dabei mithilfe klassischer Tugendtheorien und verheddert sich schließlich in aristotelischer Ethik und christlicher Mythologie. Die vollmundig versprochene Beweisführung endet in der mageren Einsicht, dass wir „die Beschwörungsformel“ zum glückseligen Leben „noch nicht“ kennen. Glück ist doch nicht planbar: Dieses Scheitern an der Begrenztheit menschlichen Verstandes ist eine erste Erfahrung von der Brüchigkeit der Welt, lange Zeit vor der vielzitierten Kant-Krise.

Beim Lesen von Kants „Kritik der Urteilskraft“, so heißt es, soll Kleist blitzartig die Unmöglichkeit einer objektiven Wahrheitsfindung erkannt haben: gewissermaßen ein Damaskuserlebnis, bei dem der wissenschaftsgläubige Saulus zum Erkenntnisskeptiker mutierte. Blamberger unterzieht diese von Kleist selbst mit viel Pathos gestrickte Legende einer kritischen Überprüfung, zeigt, dass die intellektuelle Krise als Schutzschild dient gegen den Vorwurf einer krankhaften Melancholie. Und er verweist darauf, dass Kleist gewissermaßen dort die Sinnsuche einstellt, wo Kant mit ihr überhaupt erst beginnt. Statt den zwangsläufigen Verzicht auf absolute Wahrheiten als Herausforderung zur Erschließung von relativen Wahrheiten zu verstehen, hisst er die weiße Fahne: „Der Gedanke, daß wir hienieden von der Wahrheit nichts, gar nichts, wissen […]“, schreibt Kleist, habe ihn „in dem Heiligthum meiner Seele erschüttert“.

Die Wahrnehmungskrise ist Blamberger zufolge also „hausgemacht“, und doch verdanken wir ihr Theaterstücke und Prosatexte, die Kernfragen unserer Zeit behandeln. Großartig detailliert weist der Kleist-Experte das in einer Besprechung des Lustspiels „Amphitryon“ nach, in welchem die Sehnsucht nach authentischen Identitäten mit einer Welt voller Scheinexistenzen kollidiert: Was wir tatsächlich sind und was wir bloß vorgeben zu sein, das erfährt bei Kleist eine derartig hellsichtige Reflexion, dass es sich ohne weiteres auf die Mediengesellschaft des 21. Jahrhunderts übertragen lässt.

Überhaupt markieren die interpretierenden Textbetrachtungen die ganz große Stärke dieser Biographie. Blamberger arbeitet aus „Penthesilea“ die Tragödie der Individualität heraus und deckt verblüffende Parallelen zum Dramenverständnis der Antike auf. In Kleists theoretischen Schriften widmet er sich weniger dem vielgerühmten Aufsatz „Über das Marionettentheater“ als eher weniger geläufigen Texten wie „Von der Überlegung“ – und findet darin frappierende Bezüge zu Handlungsweisen literarischer Figuren. Blamberger hält sich ganz nah am Textmaterial, gerät so niemals in die Versuchung der marktgängigen Personality-Seichtigkeit. Und doch –  oder gerade deswegen? – lässt sich bei der Lektüre sukzessive die Persönlichkeit Heinrich von Kleists erschließen: ein Autor, in dessen Leben sich die Umwälzungen seiner Zeit spiegeln und dessen Tod sich deshalb nicht monokausal erklären lässt.

Eine sympathische, geradezu liebevolle Annäherung an diesen Wegbereiter der Romantik. Darüber hinaus eine Werkdeutung von bestechender Argumentationsschärfe und faszinierendem Kenntnisreichtum. Kurzum: eine Biographie, die dem Anlass ihres Erscheinens, nämlich Kleists 200. Todesjahr, in jeder Hinsicht würdig ist.

Günter Blamberger: „Heinrich von Kleist“, S. Fischer Verlag: Frankfurt/M. 2011; 595 Seiten; 24,95 Euro.

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