Die Bremer Autorin Janine Lancker misst in „Weiße Frucht“ verschleierte Alltagsräume aus / Lesung in Bremen

Erst ab 400 Haaren ist ein Fell ein Pelz

Janine Lancker

Bremen - Von Tim Schomacker(Eig. Ber.) · Erst bei einer Dichte von 400 Haaren pro Quadratzentimeter gilt ein Fell als Pelz. Bei weniger als 50 spricht der Fachmann von Haararmut.

Wenn derlei in einer Geschichte vorkommt, geht es kaum um die nackte Information. Kommt es doch vor – wie in einer Adaption der Grimmschen Aufzeichnung des „Allerleirauh“-Märchens in Janine Lanckers erstem Buch „Weiße Frucht“–, bedeutet es etwas: Ablenkung nämlich. Die Prinzessin flüchtet sich in Details, in Fach- und Nebenwissen, um das Hauptwissen, die Angst vor der väterlichen Gewalt, ignorieren zu können. „Die Figuren lenken – auch sich – vom Eigentlichen ab, indem sie sich in andere Wissensgebiete stürzen. Wie Traumtexte kreisen viele Märchen sehr verdichtet um psychologische Prozesse“, erklärt Janine Lancker. Die 1979 in Bremen geborene Autorin tritt erzählerisch hinein in einen Märchenraum, um diesen neu auszugestalten – und so die Bewegungspunkte (wieder) freizulegen.

In bis auf’s Äußerte verknappter, verschiedene Sprechweisen hart an einander schneidenden Sprache, rückt Lancker uns Leser bedrückend nah ran an ihre Figuren. In der für das Lesebuch „Weiße Frucht“ getroffenen Auswahl sind das fast immer Figuren, die wie gefangen scheinen in ihren Körpern, die sich wiederum in Spiegelkabinetten aus Bildern, Ideen und Anforderungen verlieren. „Meine bessere Hälfte ist das Material (...) Dann hält sie mir einen Spiegel vor. Wir sehen beide, wie ich schwitze.“ Die Körper, und mit ihnen die Lebensläufe, stehen unter Druck. „Der Grundgedanke scheint ganz simpel“, sagt Lancker, „Man kann ja nicht aus seiner Haut. Aber was dann?“ In diesem „was dann?“ sind gesellschaftliche Bruchstellen eingekapselt, Tabus und vielleicht auch Glücksmomente. „Mir ist wichtig, in einer extrem artifiziellen Sprache zu erzählen. Texte, die sich einer normalen Sprache bedienen, langweilen mich schnell. Außerdem muss ich einen Abstand legen zwischen den Text und die Wirklichkeit außerhalb des Textes.“ Küche und Waschkeller, Krankenhaus und Ausbildungsstätte, die Räume, denen sich Lanckers Prosa und Lyrik nähert, sind oft ganz alltägliche. Aber nur wenn sie traumartig in der Luft stehen, kann die Körperbehaarung ein bedeutendes Eigenleben führen, können sie von Bären bevölkert sein, kann es wuchern wie den Illustrationen von Katharina Berndt. Die laufen filigran und pflanzlich in Weißflächen aus.

Für die anstehende Bremer Lesung hat Berndt Projektionen gemacht aus ihren Zeichnungen. Die werden auf sich leicht bewegenden Leinwänden zu sehen sein, zwischen denen sich Janine Lancker lesend bewegen kann. „Schon bei meinen ersten Texten ist mir aufgefallen, dass man sie gut in den Raum bringen kann“, wieder lösen vom Buch. Bevor „Weiße Frucht“ erschien, hat Lancker immer wieder Texte diesseits des Papiers installiert. Als Projektion auf Mauern, sprechend im Radio oder auf einer Brache in der Überseestadt. So wie sie während ihres Kulturwissenschaftsstudiums und ihrer literarischen Arbeit auch immer anderswo tätig war. „Acht Jahre lang habe ich als Projektassistentin gearbeitet. Da nimmt man sehr viel mit nach Haus, was einen vom Schreiben ablenkt. Etwas anderes zu machen als nur Schreiben, ist gut“, sagt sie, „nicht nur für’s Konto. Aber es müsste etwas sein, mit dem man zu Hause nichts mehr zu tun hat.“ Der Wunsch nach einer produktiv entfremdeten Arbeitsstelle ist nicht ohne Pointe. Zumal wenn man weiß, dass sich Janine Lancker in ihrer Doktorarbeit markensoziologisch und kulturgeschichtlich mit Armbanduhren auseinander setzt. „Die Zeit immer dabei zu haben, das ist ja eine Grundbedingung der modernen Arbeitsgesellschaft.“

Janine Lancker: Weiße Frucht. Ein Lesebuch. Mit Illustrationen von Katharina Berndt. 92 Seiten. Berlin: Verlagshaus J. Frank 2009. 16,90 Euro. Buchvorstellung: 24. Januar, 19 Uhr, in der Reihe wort:injektion im Bremer Lagerhaus, Schildstraße 12-19 und 25. Januar, 16 Uhr, in der Hamburger Kulturwerkstatt Harburg.

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