Eröffnung mit Hindernissen: Navid Kermani liest in der Bremischen Bürgerschaft

Der wortkarge Bahnreisende

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Eigentlich hat Navid Kermani in diesen Tagen viel zu sagen, in Bremen wollte er nicht so recht.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Dichtes Gedränge vor der Tür, ungeduldig schiebende Massen, hektisch hin und her wuselnde Mitarbeiter: Im Foyer der Bremischen Bürgerschaft geht fast nichts mehr. Alle wollen sie ihn lesen hören, einen dieser selten gewordenen öffentlichen Intellektuellen: Navid Kermani. Niemand geringeren als den aktuellen Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels haben die Organisatoren für die Eröffnung der „Globale – Festival für grenzüberschreitende Literatur“ eingeladen.

Doch zu sehen ist vom Autoren nichts, auch nach einer Viertelstunde nicht. Er sitzt noch immer im Zug von Dortmund nach Bremen, berichten die Organisatoren. „Die gute Nachricht: Der Zug fährt.“ Na dann. Tatsächlich, mit einer Stunde Verspätung hat es Kermani endlich in die Bürgerschaft geschafft – von Zeitplan ist da schon lange keine Rede mehr. Also schnell rauf auf die Bühne, dass der Gast sichtlich erschöpft ist: geschenkt.

Vorgesehen ist eine Lesung aus Navid Kermanis aktuellem Buch „Ungläubiges Staunen – Über das Christentum“, in dem er sich der christlichen Religion über Heiligenbilder nähert. Ein Muslim, der über das Christentum spricht? Das verspricht viel Zündstoff in diesen Tagen.

Tatsächlich gibt es aber nur wenig provokatives zu hören. Denn Kermani und Moderatorin Silke Behl werden nicht recht warm miteinander. Kaum eine Frage, die nicht vom Autor korrigiert oder bemängelt wird. Offenbar schlägt so eine Bahnfahrt dann doch aufs Gemüt. Auch Behls fast schon verzweifelter Versuch, auf Pater Paolo, der in Syrien ein Kloster betrieben hat, zu schwenken, verpufft. Eigentlich eine sichere Bank, hat Navid Kermani doch selbst, in seiner Rede zum Friedenspreis, von ihm erzählt.

Heute hat er aber auch dazu keine rechte Lust. Fast schon widerwillig berichtet er vom Leben der Nonnen und Mönche mitten in Syrien, die dort die Liebe zum Islam praktizierten. Klar, dass das beim Islamischen Staat (IS) nicht besonders gut ankommt, hebelt jemand wie Pater Paolo doch das Feindbild vom Christen aus. Ein Mann, der von Muslimen geliebt wird, das passt nicht ins Denken der Gotteskrieger. Kein Wunder also, dass der Pater vor mehr als zwei Jahren entführt und seither nicht mehr gesehen wurde.

Eine Geschichte, die Kermani berührt und sehr gut zu seiner eigenen Position passt. Betont der Intellektuelle, der in der öffentlichen Debatte oftmals die Rolle einer moralischen Instanz übernimmt, doch immer wieder wie wichtig ist es, dass Christen und Muslime aufeinander zugehen, ohne die eigene Kultur kleinzureden. Ganz im Gegenteil, es ist vielmehr wichtig, auch die eigenen Traditionen zu pflegen, und nicht aus falscher Rücksichtnahme zu verleugnen.

Eine Sicht der Dinge, die sich auch in seinem aktuellen Buch wiederfindet, aus dem Kermani drei Kapitel liest. Während die beschriebenen Gemälde, unter anderem vom El Greco und Caravaggio, auf einer Leinwand zu sehen sind, spricht er von seinen Empfindungen beim Betrachten – und dem verzweifelten Versuchen, eben diese Gedanken mit den Schilderungen aus der Bibel in Einklang zu bringen. Sehen Maria und Jesus in Caravaggios „Abschied Christus von seiner Mutter“ nicht eher wie ein Liebespaar aus? Für Kermani schon und er schafft es tatsächlich, genau diese Deutung mit dem Bild der göttlichen Liebe in Einklang zu bringen. Natürlich in einer Argumentation, die in kulturgeschichtlicher Fachliteratur nicht unbedingt zu finden ist.

Überhaupt ist es wohl nur einem Muslim möglich, sich auf diese Art Gedanken zu Mutterliebe, Gott und Christus zu machen. Behauptet jedenfalls der Autor höchstselbst, denn der schwärmerische Blick auf eine fremde Kultur sei nun einmal der einfachste. Dennoch plädiert Navid Kermani in einem der wenigen gehaltvollen Interviewmomente an diesem Abend dafür, sich auch den eigenen Traditionen und Bräuchen kritisch zuzuwenden, und dem Fremden dafür mit Offenheit zu begegnen. Eine Aufgabe, die besonders der Literatur zufalle. Man kommt nicht umhin, in seinem Buch solch ein Beispiel zu sehen.

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