Am Theater Bremen inszeniert Robert Schuster „Ein Volksfeind“ als Passionsspiel aus ferner Zukunft

Und erlöse uns von der Mehrheit

Sie haben ihm das Maul gestopft: Thomas Stockmann ( Glenn Goltz) während der Bürgerversammlung. ·

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Initiativen streiten für mehr Bürgerbeiteiligung, und in den Wahllokalen machen jetzt auch Jugendliche ihr Kreuzchen. Sogar über Bahnhöfe und Doktorarbeiten entscheidet mehr und mehr die rein numerische Mehrheit der Gesellschaft. Nur im Theater läuft wieder mal alles anders.

Dort ist zurzeit nämlich „Ein Volksfeind“ der letzte Schrei. Kaum ein Spielplan, der dieser Tage ohne Henrik Ibsens Absage an die Demokratie auskommt, wer wollte, konnte den Klassiker zuletzt abwechselnd in Hannover, Oldenburg und Braunschweig sehen. Das lässt sich durchaus als böses Omen für unser System verstehen – jedenfalls dann, wenn das Theater die viel beschworene Funktion eines gesellschaftlichen Seismografen erfüllen sollte.

In Bremen hat Robert Schuster beherzt in den Text eingegriffen und dabei schon mal Fakten geschaffen: Seine Inszenierung spielt im Jahr 2094 und setzt den zwischenzeitlichen Untergang der Demokratie voraus. Sie werden es bis dahin wohl zu weit getrieben haben mit ihren Abstimmungen und Meinungsumfragen, ihren Bürgerbeteiligungen und Online-Petitionen. Wer jetzt regiert, ist zwar nicht ganz klar, fest steht aber, dass die Zeiten von Merkel und Co bloß noch als Stoff fürs Theater taugen.

So blicken wir im Neuen Schauspielhaus in das weite Rund eines Amphitheaters (Bühne: Sascha Gross), wo die Gesellschaft der Zukunft die Leidensgeschichte ihres Erlösers zur Aufführung bringt: Passionsfestspiele für Doktor Thomas Stockmann, den einstmals überzeugten Demokraten, der im Kampf gegen die Mehrheit den Märtyrertod fand. Vor den Augen seiner Ahnen in der Ehrenloge – die greise Tochter Petra (Gabriele Möller-Lukasz) sowie die Söhne Morten (Siegfried W. Maschek) und Ejlif (Gerhard Palder) – feiert der legendäre Badearzt, Ikone der postdemokratischen Gesellschaft, seine ästhetische Wiedergeburt.

Die Ehre der Hauptrolle wird bei diesen Stockmann-Festspielen Glenn Goltz zuteil. Und das bedeutet: die Rolle des einzigen Menschen inmitten von Karikaturen. Denn natürlich müssen sie alle als Persiflagen erscheinen, die einstigen Gegenspieler des Messias. Der windige Zeitungsredakteur Hovstad (Christoph Rinke) zum Beispiel: eine Witzfigur in Strumpfhosen, eingebildet und korrupt. Oder der Bürgermeister, Stockmanns Bruder Peter (Jan Byl): ein Clown des Politikbetriebs, hysterisch, selbstherrlich, von Macht zerfressen.

Zwischen all diesen schwarzen Schafen ist der ganz in Weiß gewandete Stockmann eine Lichtgestalt. Und anfangs glauben sie ja auch an ihn: an den Heilsbringer, der die Bakterien im Wasser des Kurbads entdeckt hat und tausende Badegäste vor Gesundheitsschäden bewahrt. Nicht allein Redakteur Hovstad feiert den Erlöser. Nicht bloß der Buchdrucker Aslaksen (Thomas Hatzmann). Nein: Sage und schreibe die „kompakte Majorität“ der Gesellschaft hält Stockmann den Rücken frei, da mag kommen, was will.

Das erste, was kommt, ist Bürgermeister Peter Stockmann. In seiner Hand hält er eine Rechnung: Das Bad müsste für seine Sanierung zwei Jahre schließen. Ohne Touristen keine Einnahmen, dafür Kosten in Millionenhöhe. Wer die bezahlen soll? Na, der Steuerzahler natürlich! Und schon will sie von Bakterien nichts mehr wissen, die „kompakte Majorität“.

Der Held von gestern ist der Volksfeind von morgen: weil er mit ein paar lächerlichen Bakterien Ängste schürt, weil er den Familienvätern ihre Arbeitsplätze im Kurbad nehmen will und weil es ihm bestimmt sowieso nur darum geht, Recht zu behalten. Bald zieht der Mob durch die Straßen, wirft bei Stockmanns die Fenster ein. Dem Badearzt wird gekündigt, seine Familie geschmäht.

Aber einen hat er noch: eine letzte Ansprache, eine Rede an die Nation. Ibsen hat diesen Monolog in die Bürgerversammlung eingebaut. Schuster packt ihn ganz ans Ende und lässt Goltz damit ein so verlockendes wie grauenhaftes Fazit ziehen. Verlockend, weil das Unbehagen an der Demokratie darin ein Gesicht erhält. Grauenhaft, weil dieses Gesicht faschistoide Züge trägt. Denn tatsächlich ist dem Mob nur mit der Elite zu begegnen. Wenn Weisheit statt Mehrheit über Wohl und Wehe eines Staates entscheiden soll, dann geht es um Ständeordnung, um Abstammung und letztlich um genetisches Erbgut. Alles wohlbegründet, alles schlüssig und alles eingerahmt von einer quasireligiösen Passionstheatralik: ein übler Vorgeschmack auf kommende Debatten.

Robert Schuster erliegt nicht der Versuchung, diesen Gegenentwurf zu verklären. Er verweist vielmehr auf die Bruchstellen unseres Systems und lässt erahnen, dass auch die vermeintlich für die Ewigkeit geschaffene Bürgergesellschaft einmal zugrunde gehen könnte. Indem er die künftige Gesellschaft auf Rituale der Antike zurückgreifen lässt, setzt er diese Ahnung in eine theaterhistorisch wie philosophisch reizvolle Beziehung. Dass die textlichen Anreicherungen mit Auszügen aus Platons „Staat“ mitunter allzu ideologisch anmuten – geschenkt.

Großartig ist dieser Abend ohnehin wegen eines Glenn Goltz, der in seiner Figur Tugend und Egomanie vereint: ein Heiliger, der vor lauter Moral zum Politiker mutiert. Jan Byl gibt derweil einen wunderbar klischeehaften Bürgermeister, Thomas Hatzmann einen herrlich feigen Biedermann Aslaksen.

Am Ende, als Stockmann hingerichtet worden ist, wird mit dem Märtyrer auch die Demokratie zu Grabe getragen. Doch keine Bange: Vorerst geschieht das nur im Theater.

Weitere Vorstellungen: heute, sowie am 11., 15. und 24. Juni, jeweils um 20 Uhr im Neuen Schauspielhaus.

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