Matthias Kaschig über die familiären Konflikte des Tennessee Williams und dessen Drama „Die Glasmenagerie“

Wie erkläre ich es meiner Mutter?

Umkehr des amerikanischen Traums: Matthias Kaschig inszeniert am Theater Bremen „Die Glasmenagerie“.

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Einem österreichischen Unternehmen verhalfen sie einst zu Weltruhm: Kleine Tiere aus Glas überzeugen ihre Käufer mit ihrem geheimnisvollem Lichtspiel und Mitleid erregender Zerbrechlichkeit.

Laura Wingfield scheint in Tennessee Williams‘ Drama „Die Glasmenagerie“ geradezu besessen zu sein von den stummen und stubenreinen Wesen. Vielleicht, weil sie keine Fragen stellen. Etwa nach ihrer Körperbehinderung. Nach ihrem Jugendschwarm Jim, von dem sie so lange nichts gehört hat. Oder nach ihrem Bruder Tom, der nach dem Tod des Vaters nun selbst als Lagerarbeiter die Familie ernähren muss. Morgen (20 Uhr im Moks) hat „Die Glasmenagerie“ in Bremen Premiere. Regisseur Matthias Kaschig erklärt, warum keines der zarten Tierchen den Abend überleben darf.

?Herr Kaschig, auf dem Fenstersims meiner Mutter befindet sich ein kleiner Zoo von Glastierchen. Immer wenn Kinder kommen, räumt sie das weg, damit nirgendwo ein Beinchen abbricht. Welche Motivation verbirgt sich hinter dieser Leidenschaft?

!Zunächst einmal ein Mädchentraum: Die Tiere glitzern so schön, wenn sich in ihnen das Licht bricht. Dann sind diese Wesen zerbrechlich und dabei eigentlich völlig nutzlos.

?Warum spricht das Frauen mehr als Männer an?

!Das ist interessant. Es ist ja tatsächlich kein Zufall, dass Sie diese Tiere bei Ihrer Mutter und nicht bei Ihrem Vater gefunden haben. Ich kann diese Frage natürlich nur für die Figur Laura Wingfield in der „Glasmenagerie“ beantworten. Da findet eine Art Sublimierung statt, also die Umwandlung verborgener Sehnsüchte. Laura liebt einen Mann namens Jim, den sie seit sechs Jahren nicht mehr gesehen hat. Als Jim wieder auftaucht, entschließt sie sich, mit ihrer Ersatzwelt aus Glas zu brechen: Schließlich scheinen sich jetzt ihre geheimen Wünsche doch noch zu erfüllen.

?Das bedeutet, Sie lassen Laura ihre Figuren zerstören?

!Ja, bei uns zerdeppert sie alles. Deshalb ist es auch umso bitterer, wenn ihr Jim später den Laufpass gibt. Da bleibt ihr gar nichts mehr.

?Hat sich Laura die Figuren vielleicht schon in dem Bewusstsein angeschafft, sie irgendwann einmal zerbrechen zu können?

!Nein. Ich glaube, der Autor hat sich für dieses Symbol entschieden, weil es erstens kostbar erscheint und weil es zweitens zerbrechlich ist. Das ermöglicht ihm den Verweis auf die Figur Laura selbst, die am Ende ja auch zerbricht. Nicht zuletzt ist der Bezug zwischen Mensch und Glastier offenkundiger als er es etwa zwischen Mensch und Matchboxauto wäre.

?Wer heute von Glas und Fabelwesen spricht, landet schnell bei Fantasyfilmen und Computerspielen. Sie auch?

!Eine solche Übersetzungsleistung möchte ich dem Zuschauer überlassen. Der Umstand, dass es sich bei den Tieren um Fabelwesen handelt, ist allerdings von großer Bedeutung.

Wenn Jim versehentlich das gläserne Einhorn beschädigt, handelt es sich ja oberflächlich gesehen nur um eine kleine Beeinträchtigung. Tatsächlich aber verliert es mit diesem Detail seine ganze Besonderheit – was an Lauras körperliche Behinderung denken lässt.

So wie diese Szene dreht sich das ganze Stück um die Frage nach Normen, Andersartigkeit und das Verhältnis vom Einzelnen zur Gemeinschaft.

?Wie stellt sich dieses Verhältnis dar?

!Lauras Bruder Tom soll die Familie ernähren und seine persönlichen Ansprüche hinten anstellen. Seine Eigenart wird einfach nicht zugelassen. Um sich zu befreien, muss er deshalb irgendwann unbarmherzig handeln.

?Ist Jim so etwas wie die Instanz der rauen Wirklichkeit, die unvermittelt in diese Traumwelt der Familie Wingfield einbricht?

!Ich glaube, dass Jim von einer großen Fassade umgeben ist. Seine Karriere weist einen merkwürdigen Bruch auf. Früher, in der Schule, galt er als Überflieger, man hatte in ihm offenbar schon den kommenden US-Präsidenten gesehen. Und jetzt tritt er als Toms Arbeitskollege in Erscheinung, also als Lagerarbeiter.

?Wie ist es dazu gekommen?

!Durch die Umkehr des amerikanischen Traums. Bei Jim lief offenbar vieles schief, er ist ein gefallener Star, der sich jetzt bemüht, den Schein des patenten, selbstbewussten Karrieristen zu wahren. Ich glaube übrigens, dass es einige Berechtigung gibt, den Namen Tom Wingfield als Anspielung auf Thomas Williams zu verstehen – den bürgerlichen Namen von Tennessee Williams.

?Das bedeutet?

!Das bedeutet, dass man bei der Betrachtung des Verhältnisses von Tom zu seinem Arbeitskollegen schnell zum Thema Homosexualität kommt. Da bringt einer seinen „Arbeitskollegen“ nach Hause und fragt sich: Wie erkläre ich meiner Mutter, in welcher Beziehung wir wirklich zueinander stehen?

?Und die Mutter ist von dieser Möglichkeit so weit davon entfernt, dass sie sich nichts dabei denkt, Jim ihrer Tochter als künftigen Bräutigam zu präsentieren.

!Weshalb Tom – ganz wie der Autor dieses Dramas – keine andere Perspektive mehr sieht, als die Familie zu verlassen und seine Pläne einer Dichterexistenz zu verwirklichen. Vor diesem Hintergrund erscheint es auch nicht zufällig, dass „Die Glasmenagerie“ Williams‘ erstes Stück ist.

?Sie meinen, es handelt sich um ein „Coming-out“ in jeder Hinsicht?

!Genau.

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