Bremen hat eine neue Galerie: Das „K‘ – Zentrum Aktuelle Kunst“ sieht sich als Schnittstelle von Kunst, Kritik und Pop

Erinnerungen in kraftvollem Edding-Strich

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Die Künstlerin und ihre Galeristen: Lena Schmidt, Eric Peters und Radek Krolczyk vom „K‘ – Zentrum Aktuelle Kunst“. ·

Bremen - Von Andreas SchnellAuf eine Weise seien ihre Bilder „Heimatbilder“, meint Lena Schmidt. Material und Motive entstammen ihrer persönlichen Umgebung, auch wenn es nur eine temporäre sein mag.

Und wie Bilder von der Heimat ja meist nicht deckungsgleich sind mit ihrem Gegenstand, entwickeln sich die Motive in Lena Schmidts Arbeiten aus und mit der Erinnerung: Die Brandshofhalle in Hamburg, ein verlassenes, von Künstlern genutztes Speditionsgebäude im Hamburger Hafen, ist Namensgeberin für eine Arbeit, in der sich die dortigen Gebäude neu zusammengesetzt vorfinden lassen.

Das Holz, auf dem wir die verlassenen Gebäude sehen, trägt dabei auch materiell Spuren des Ortes, ist Teil davon und zugleich nicht mehr. Was darauf in kraftvollem Edding-Strich zu sehen ist, sind aus der Erinnerung zusammengetragene, neu kombinierte Versatzstücke, in denen sich eine Atmosphäre ausdrückt, die für die Künstlerin den Ort auszeichnet. Weniger konkret an Orte gebunden sind die „Power Lines“, die der Schau den Titel gaben: Überlandstromleitungen an ihren Knotenpunkten, Träger von Energie und Informationen, als Orte noch nicht verlassen wir das Brandshof-Ensemble, aber an einem Übergang zur Vergangenheit, wie Schmidt erläutert. Gerade erst hat der Orkan Sandy in den USA und der Karibik gezeigt, wie fragil diese „Energielinien“ sind, die Städte und Länder miteinander verbinden.

Auch die „Power Lines“ sind mit Marker auf ausgedientes Holz aufgetragen, erst in letzter Zeit arbeitet Schmidt auch mit Acrylfarben. Durch diese Materialität gewinnen die Arbeiten Objektcharakter, auch wenn einige auf den ersten Blick nach klassischen Gemälden aussehen. „Kippmomente“ nennt Lena Schmidt dieses bisweilen gar Vexierbildhafte, dass seine Entsprechung in den Übergängen von strengen Strukturen und klaren Linien ins Diffuse hat, dass beispielsweie die graphische Qualität der „Power Lines“ ausmacht.

Das erscheint nun zunächst kaum zwingend angesiedelt „auf der Schnittstelle zwischen bildender Kunst, Gesellschaftskritik und Popkultur“, wo die neuen Galeristen ihr Programm verorten. Und doch sind durchaus Verbindungen zu entdecken: Der Umgang mit ausgedientem Material der Industriegesellschaft erinnert an Musiker wie die Einstürzenden Neubauten. Und in Schmidts künstlerische Auseinandersetzung mit industriellen Brachen schwingt auch eine gesellschaftliche Ebene mit. Radek Krolczyk ist es ohnehin wichtig, nicht auf das Schlagwort der „linken Galerie“ festgenagelt zu werden. „Wir kommen aus linken Zusammenhängen, und es ist klar, dass wir ein linkes Programm haben, aber die Kunst, die wir zeigen, erschöpft sich nicht darin.“ Es gehe nicht zuletzt um Erkenntnisprozesse, die durch Kunst angestoßen werden.

Wobei zum Konzept von K' gehört, dass auch über die Kunst hinaus gedacht wird. Dafür steht nicht nur die Galerieröffnung ohne Kunst, aber mit Live-Musik. Am 30. November gibt es in der Galerie einen Vortrag über „die Angleichung von Leben und Tod im Brutal Death Metal“ von Patrick Viol, für den Januar ist eine Buchpräsentation geplant, auch Konzerte wird es gelegentlich geben. Und natürlich sollen auch die ausgestellten Künstler Gelegenheit haben, ihre anderen Aktivitäten vorzustellen. Michaela Melián, Wolfgang Müller oder Miron Zownir, die nächstes Jahr im K' zu sehen sein werden, beschränken sich nicht auf Bildende Kunst, machen Musik, Filme, Literatur.

Insofern zieht sich ein sozusagen in zweifacher Hinsicht roter Faden durch das geplante Programm: Es geht um Positionen, die sich aus einem Geist der Selbstermächtigung speisen, wie er im Punk programmatisch war: Wolfgang Müller trat 1981 mit seiner Band Die Tödliche Doris bei dem legendären Festival Genialer Dilletanten in Berlin auf, Michaela Melián spielt seit deren Gründung in der Band F.S.K., die in etwa zur gleichen Zeit in einem Punk-Umfeld entstanden, Miron Zownir dokumentierte Ende der siebziger Jahre in Berlin und London die Anfänge der Punk-Bewegung.

Und auch, wenn die heutigen Arbeiten der genannten Künstler mit Punk im landläufigen Sinne so gut wie nichts zu tun haben, ist der subversive Drive mitsamt seinen gegenkulturellen Wurzeln unverkennbar. Nicht notwendig links, aber stets von einer Grundskepsis durchzogen.

Lena Schmidt: „Power Lines“, K' – Zentrum Aktuelle Kunst, Alexanderstr. 9b, Bremen, http://www.k-strich.de

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