In Bremerhaven ist Yassin Musharbashs Roman „Radikal“ auf der Bühne zu sehen

Erhöhte Temperatur

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Die Lage ist kompliziert: Manch einer gerät zwischen die Fronten, mancher verstrickt sich hoffnungslos.

Bremerhaven - Von Rolf Stein. Als vor fünf Jahren Yassin Musharbashs Roman „Radikal“ erschien, war die westliche Welt mit dem islamistischen Terror schon vertraut genug, um sich vorstellen zu können, dass „so etwas“ auch in Deutschland denkbar wäre. Seither ist bekanntlich einiges geschehen. Paris, Brüssel, Istanbul. Einerseits. Andererseits: Pegida, AfD, Freital. Chiffren, die mitten in eine hoch emotionalen Debatte hineinführen, die droht, zur gesellschaftlichen Zerreißprobe zu werden.

Musharbash befasst sich seit Jahren mit Islamismus und Terror, als Journalist und Buchautor. Dass er in seinem Debütroman „Radikal“ vor fünf Jahren eine erstarkende Gewaltbereitschaft aus der Mitte der Gesellschaft beschrieb, mag nicht gleich prophetisch sein. Dass er hier allerdings ein Milieu skizzierte, das sich keineswegs aus den vielgescholtenen „dumpfen Rassisten“ zusammensetzt, sondern aus gutbürgerlichen Kreisen, ist angesichts der Karriere der AfD dann doch ein wenig frappierend.

Natürlich ist „Radikal“ ist kein Sachbuch, sondern ein Politthriller. Aber ein solcher verfängt ja nur dann so richtig, wenn er Fragen anreißt, die – wie mittelbar auch immer – an unsere Erfahrungssphären rühren.

Solch einen Stoff für die Bühne aufzubereiten, ist wiederum nicht unproblematrisch: Ein Roman wie „Radikal“ lebt auch von biografischen Details seiner Figuren und gut recherchierten Schauplätzen, um den Plot glaubhaft zu machen. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass „Radikal“ seit seiner Bühnenpremiere 2012 am Gorki-Theater in Bremerhaven nun erst eine zweite Bühnenfassung erlebt. Paul-Georg Dittrich, der zuletzt in Bremerhaven eine sehenswerte Inszenierung von „Gegen die Wand“ lieferte und in Bremen unlängst Alban Bergs „Wozzeck“ präsentierte, hat die Herausforderung angenommen.

Der Regisseur und sein Team – Pia Dederichs (Bühne und Kostüme) und Kai Wido Meyer (Filmregie und Video) – betreiben hier nicht wenig Aufwand, um der Geschichte regecht zu werden: Auf einer Drehbühne bieten verschiedene Kastenbauten Räume für konspirative Treffen, Redaktionssitzungen, private Konstellationen. Sie sind aber auch Projektionsflächen, die Dittrich nutzt, um mediale und virtuelle Kommunikationsräume abzubilden, aber auch schlagzeilenhaft Kontext zu liefern, der – wie eingangs angedeutet – erhöhte Betriebstemperatur hat.

Zunächst ist davon aber erst einmal gar nichts zu sehen: Das siebenköpfige Ensemble sitzt aufgereiht vor dem eisernen Bühnenvorhang, stürmt nach vorn, um in raffiniert konstruiertem Chor das zentrale Ereignis dieser Geschichte zu schildern: das Attentat auf einen muslimischen Grünen-Politiker, der sich mit seinen Positionen gleich in mehreren Parallelgesellschaften unmöglich gemacht hat, für viele Muslime ist er ein Abweichler, für die Fanatiker der Leitkultur ein Agent der Islamisierung. Und das Bekennervideo von Al-Kaida könnte eine gut gemachte Fälschung sein. Die Story ist fiktiv  – aber unübersehbar nah dran an der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2016.

Wo Anna Bergmann bei der Uraufführung in Berlin einst auf persiflierende Überspitzung setzte, gibt es bei Dittrich in Bremerhaven nur sehr wenig zu lachen. Was gut ist. So ganz kann der Regisseur der Versuchung zwar doch nicht widerstehen, ein wenig Kinozauber zu veranstalten, wenn er beispielsweise Kay Krause als BKA-Kommissar Dengelow mit Trenchcoat im Gegenlicht posieren lässt. Zumeist lässt er das Ensemble aber mit großer Dringlichkeit agieren. Neben Krause liefern Jennifer Sabel, Andreas Möckel, Kay Krause, Sascha Maria Icks, John Wesley Zielmann und Andreas Hammer hier sehenswertes Schauspiel.

Gleichwohl sperrt sich die Detailfülle des Romans gegenüber der Verengung auf die Bühnenperspektive. Und sorgt vielleicht auch deshalb am Ende für eine nichtb reizlose Unschärfe. Statt einer klassischen Auflösung regiert stete Beschleunigung, deren Ende der Vorhang verdeckt, auf dem uns schließlich per Tafelbild noch einmal die Beziehungen der Figuren aufgezeigt werden. Was die relative Offenheit wieder konterkariert. Dennoch ist „Radikal“ nicht nur seines Themas wegen ein sehenswerter Theaterabend.

Die nächsten Vorstellungen: Samstag, 14. Mai, Donnerstag, 26. Mai, 19.30 Uhr, Stadttheater Bremerhaven

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