Ist Wissenschaft das beste Mittel gegen die Angst?

Schon Platon träumte von einer geschlossenen Gesellschaft

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Erhard Oeser erzählt die Geschichte der Menschheit im Spiegel der Xenophobie

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Woher kommt die Angst vor dem Fremden? Aus einer DDR-typischen repressiven Erziehungskultur, sagt der Kriminologe Christian Pfeiffer. Aus dem Gefühl, von der eigenen Regierung nicht mehr ernst genommen zu werden, sagt der Politologe Werner Patzelt. Aus einer natürlichen Disposition des Menschen, sagt der Hirnforscher Manfred Spitzer.

Man verliert leicht den Überblick angesichts der Vielzahl an Erklärungsversuchen. Umso verlockender ist es, wenn ein Buch mit dem Titel „Die Angst vor dem Fremden“ die „Wurzeln der Xenophobie“ zu erklären verspricht. Und Erhard Oeser scheint auch prädestiniert zu sein, das Dunkel zu erhellen und die ersehnte allgemein verständliche Antwort auf die Frage nach den Ursachen von Pegida, AfD und Co zu geben. Hat sich der Wiener Philosoph und Wissenschaftstheoretiker doch sein ganzes Leben mit Problemen der Erkenntnistheorie befasst. Doch der Titel führt in die Irre, statt einer erkenntnistheoretischen Untersuchung handelt es sich um einen kulturhistorischen Abriss: der Mensch als furchterfülltes Wesen von den Alten Ägyptern bis zu den Angstbürgern von Dresden.

Oeser berichtet von Platons Vision des idealen Staates, in dem bereits eine Fremdenfurcht zum Ausdruck kommt, gegen welche die Parolen heutiger Abendlandretter niedlich wirken. Weil die Einführung fremder Gepflogenheiten zwangsläufig zum Untergang eines funktionierenden Staates führen, sollte sich ein ebensolcher von Grund auf als „geschlossene Gesellschaft begreifen“. Nicht nur die Migration ist bei Platon so gut wie ausgeschlossen, auch das Verlassen des Staates hat bei Strafe verboten zu sein – jedenfalls für Bürger, die das 40. Lebensjahr noch nicht erreicht haben. Wer seinen 50. Geburtstag feiert, der hat Aussichten auf eine offizielle Entsendung als „Beobachter“. Weil die Qualität des eigenen Staatswesens nur im Abgleich mit fremden Kulturen überprüft werden kann, ist nämlich ein Minimum an Kontakt gleichwohl erforderlich. Doch der aus der Fremde Zurückgekehrte hat sich in Acht zu nehmen: Kann er seine Mitbürger davon überzeugen, dass er im Ausland bessere Sitten und Gesetzesvorschriften kennengelernt hat als die bestehenden, so erwartet ihn Lob und Dankbarkeit für die mutigen Reformvorschläge. Sind die Einheimischen aber der Meinung, er habe sich von der fremden Kultur lediglich verderben lassen, „treffe ihn der Tod“.

Was bei Platon noch staatstheoretisch begründet war, fand schon bald Eingang in religiöse Abgrenzungsstrategien. Dabei ist bemerkenswert, dass dem Christentum noch zu Zeiten der späten Kirchenväter der Islam näher stand als das Judentum. Dies war nicht zuletzt in der Person Jesu Christi begründet, der von jüdischer Seite als fehlgeleiteter Schüler der Rabbinen bezeichnet wurde, während muslimische Gelehrte lediglich seine Erhebung zum Sohn Gottes als Übertreibung ansahen. Es gibt im Mittelalter erstaunliche Beispiele interreligiöser Toleranz zwischen Christentum und Islam, von einem Vorläufer von Lessings Ringparabel beim franziskanischen Theologen Raimundus Lullus bis zum multiethnischen Alltag in Córdoba unter der islamischer Herrschaft. Arabische Feldherren galten als „sanfte Eroberer“, die fremde Kulturen respektierten und an einem friedlichen Miteinander interessiert waren. Christliche Rebellen, die sich gegen die fremden Besatzer auflehnten, stießen in ihren eigenen Reihen auf Unverständnis. Noch in der Aufklärung wurde der Islam als tolerante Religion gerühmt, wobei seine Idealisierung gerne auch als Kritik gegen die katholische Kirche eingesetzt wurde.

Es stellt sich angesichts solcher Ausführungen die Frage, wie es heute um die Fremdenangst bestellt wäre, wenn es nicht zu einem plötzlichen Zuwachs an Fremden gekommen wäre: Ureinwohner in Amerika und Südsee, exotische Kulturen mit irritierenden Bräuchen. Kannibalismus diente bald als Rechtfertigung für Gräueltaten europäischer Eroberer, biologische Klassifikationen von Menschen als Keimzellen des Rassismus.

Das alles geht an den Erwartungen vorbei und offenbart doch zu jeder Zeit seine aktuelle Relevanz. Mit eindrucksvoller Detailfülle und scharfem Blick für die Zusammenhänge zeigt der Autor unvermutete Bezüge zwischen Fremdheitserfahrungen unterschiedlicher Epochen auf. Auch wenn das Phänomen der Xenophobie dadurch längst nicht hinreichend erklärt werden kann, stellt diese historische Einordnung zweifellos eine hervorragende Grundlage für den weiteren Diskurs dar.

Allein Oesers Ausblick auf künftige Generationen mutet doch etwas arg optimistisch an. Der „wissenschaftliche Universalismus“, also die Ausweitung von kulturübergreifend als wahr anerkannten Aussagen, gilt ihm als Garant für die Eindämmung xenophobischer Tendenzen. Wäre dem so, hätte bereits das 20. Jahrhundert eine andere Welt hervorbringen müssen als jene des Terrors und der kulturellen Konflikte.

Erhard Oeser: „Die Angst vor dem Fremden – Die Wurzeln der Xenophobie“, Theiss Verlag: Darmstadt 2015; 480 Seiten, 29,95 Euro.

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