Das Moks-Theater setzt sich mit Verschwörungserzählungen auseinander

Erhabenheit und Ohnmacht

Projektionen überall – und das Moks-Ensemble in „CON5P1R4.CY7“.
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Projektionen überall – und das Moks-Ensemble in „CON5P1R4.CY7“.

Bremen – Rot oder blau? Wir fingern auf Anweisung unter unseren schicken weißen Sesseln herum. Und finden ein Tütchen. Darin zwei Bonbons. Eines rot, das andere blau. Wahrheitsserum, mit dem wir hinter den Vorhang, die Masken unserer Gegenwart schauen, wird von der einen behauptet. Die andere stabilisiere den Schleier der Erscheinungen unseres alltäglichen Lebens. Welche nehmen? Die ultimative Entscheidung. Momentchen mal! Warum sollen wir das denn entscheiden, nur weil uns jemand sagt, wir sollen – und können – das entscheiden? Wo ist da die Entscheidungsfreiheit in der Entscheidungsfreiheit?

Ich wähle rot, Wahrheit. Klingt spannender. Und entscheide mich erst einmal vor allem für den Weg, auf dem ich dieses Theaterstück weitersehen werde. Denn ab der Pille wird das Publikum geteilt. Umsteigen ist nicht mehr möglich. Das Ensemble des Bremer Moks hat gemeinsam mit Konradin Kunze ein Stück entwickelt, das sich – und zwar über weite Strecken ganz praktisch, in der Form – mit Verschwörungsmythen auseinandersetzt. Drei Kreuze gleich zu Beginn, dass gewiss deren Umlaufgeschwindigkeit in Corona-Zeiten den Anlass gab, dass es aber – Danke! – nicht um Corona geht. Sondern um Strukturen. Strukturen der Weltwahrnehmung, der Macht und der Angst.

Aus der coronabedingten Publikumsbegrenzung hat Lea Dietrich eine bühnenbildnerische Tugend gemacht. Und vier separate Tribünchen gebaut. Mit jeweils sechs jener schicken weißen Sessel darauf. Zusammengenommen Schulklassenstärke, passt. Dazwischen eine schwarzglänzende flache Drehbühne. Darüber eine Mischung aus Segeln und in den Raum gegossenem Splitscreen. Nix Naturalismus, alles Schirm, Ober- und Projektionsfläche, abstrakter Raum, in dem Nachdenken ausgebreitet wird über eine knappe, durchaus kurzweilige Spielstunde. Es geht ja um Strukturen. In neckische Schafkostüme gewandet choreografiert sich das Schauspieler-Quartett nach und nach in den Raum. Aus einer hübschen chorischen Sequenz, die aus ihren Namen, es sind opake Kürzel: C0, N5, P1, R4, eine halblaute, dabei vorwärtstreibende rituelle Anrufung destilliert, geht’s in die Frontale. Also, in die vier Frontalen. Direkte Ansprache. Ansage. Vollmundig. „Wir werden euch manipulieren; wir werden euch verführen; wir werden belügen; wir werden alle Mittel einsetzen, um euch zu überzeugen …“

Das hätten wir gerne mal gesehen; aber diesbezüglich bekommt „CON5P1R4.CY“ Richtung Ende leider Angst vor der eigenen Courage. Und lässt das Experimentelle der Ausgangssituation, die so geschickt Form und Inhalt konfrontativ ineinander verhakt, fahren zugunsten einer arg didaktischen Auflösung.

Doch zunächst: Rein ins Geschehen. Direkte Ansprache, die manchmal tatsächlich verunsichert. Wird das jetzt persönlich? Muss ich was tun? Schaff ich das, zumindest gedanklich, den Überblick zu behalten, die widersprüchlichen Erzählungen, die mir da offenbar gleich entgegenballern, ordnungsgemäß zu hinterfragen und aufzulösen? Raus aus der Komfortzone der Theaterbesucher. Gut.

Als Referenzgeschichte wurde Elon Musk ausgewählt, Tesla-Gründer, technikbesessener Unternehmer, schillernde Figur der Globalisierung. Und Einfallstor für allerlei Verschwörungserzählung. Doppelt stimmig. Denn einerseits haben Musks „mega viele helle Punkte, in einer Reihe sind die da so lang geflogen“, in der norddeutschen Tiefebene tatsächlich für Verwirrung gesorgt. Und zweitens ist das Lesen von Konstellationen am Himmel eine Art Ur-Szene, wenn es um Schicksal, Geheimwissen und Deutungshoheit geht.

Das Thema ist gesetzt, es folgt die Pillenfrage. Die „CON5P1R4.CY“ („Der Titel ist eine URL, habt ihr das schon gemerkt?“) in eine Genrelinie einsortiert: Matrix, Stanislaw Lem.

Hier wird das Publikum geteilt, dann geviertelt. Aufgesplittet in vier parallele Begründungsszenarien zu dem Phänomen – Elon Musk –, über das zu sprechen man sich vorher geeinigt hat. Wenn man „seinem“ Erzähler lauscht, es geht grad um Raketenfabriken tief unter den neuen Teslafabriken überall auf der Welt, und aus dem Augenwinkel mitbekommt, wie eine andere Tribüne gerade Dehnübungen macht auf Anleitung „ihrer“ Erzählerin, ist die Widersprüchlichkeit verschwörungsmythischen Erzählmaterials in eine schöne, simple Raumerfahrung übersetzt.

Doch statt sich argumentativ abzuschotten und die Aufklärung durchgängig ins Formale zu verlagern, agiert „CON5P1R4.CY“ zunehmend mutlos. Setzt einen doch eher klassischen Dialog zweier Freundinnen, deren Freundschaft zerbirst, als die eine sich immer mehr und immer restloser in die angeblich freie, angeblich alternative Wahrheitssuche hinein lehnt wie in den Wind. Und die andere ob der gepanzerten einsamen Vernetzung (oder vernetzten Einsamkeit?) ratlos zurücklässt.

„CON5P1R4.CY“ endet recht abrupt in einem Datenaccellerando. „Wer ist denn nun eigentlich das Böse?“ Mehr und mehr Beispiele dafür, wann, wie und wo sich Verschwörungsmythen entlang ihrer Chiffren („das internationale Finanzwesen“, „die Ostküsten-Elite“) in eine Tradition antisemitischer Erzählung einreihen. Dann Black. Inhaltlich gewiss nicht falsch. Doch zieht die Produktion hier die aufklärerische Karte der entkräftenden Gegenbegründung. Und hat vergessen, dass sie angetreten war, um versuchsweise zu manipulieren.

Die nächsten Vorstellungen

Heute bis Freitag, 10.30 Uhr, Freitag und Samstag, 19 Uhr, sowie Samstag, 14., und Sonntag, 15. November, 19 Uhr, Brauhaus am Theater Bremen.

Von Tim Schomacker

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