„Neue Lektüren“ zu Heinrich von Kleist

Vom Erhabenen und Komischen

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Kreiszeitung Syke

Syke - Von Johannes BruggaierMan hat ihn psychologisch interpretiert und politisch, man hat ihn feministisch gelesen und soziologisch: Die Wiese der Kleistlektüre, so scheint es, ist mittlerweile weitgehend abgegrast, kaum noch ein Thema, das nach 200 Jahren Rezeptionsgeschichte noch zu entdecken wäre.

Doch wie so oft bei großen Klassikern, findet sich irgendwo immer noch eine kleine Lücke – ein bislang unbeachtetes Detail, eine Variante, wie sich der scheinbar ausinterpretierte Text vielleicht auch noch verstehen ließe.

Ein im Wallstein Verlag erschienener Band entdeckt nun mit „Neuen Lektüren“ den „Ausnahmezustand“ im Werk des Heinrich von Kleist. „Neu“ erscheint diese Deutung zwar nicht wirklich, hat doch die singuläre Stellung des Dichters nie zur Disposition gestanden. So konsequent politisch aber wie in dieser neuen Publikation ist das Phänomen der Ausnahme vielleicht tatsächlich noch nicht untersucht worden.

Bei der Suche nach einer Definition dessen, was mit „Ausnahmezustand“ gemeint sein könnte, hat man sich auf Carl Schmitts maßgebliche Theorie geeinigt. Demnach zeigt sich allein in der Verhängung des Ausnahmezustands naturgemäß der wahre Souverän: der Herr über den Ein/Aus-Schalter der öffentlichen Rechtsordnung.

Diese Vorstellung auf Kleist zu übertragen, bedarf mitunter einigen Wagemuts. Torsten Hahn versucht es etwa am Beispiel des Dramenfragments „Robert Guiskards“ und verirrt sich dabei zwischen dem Anspruch, einen Ausnahmezustand zu diagnostizieren einerseits sowie der an sich „erwartbaren“ Handlungsereignisse andererseits. Auch Friedrich Balkes Unterfangen, anhand der „Hermannsschlacht“ den Ausnahmezustand mit Sigmund Freuds Witz-Theorie in Verbindung zu bringen, mutet recht bemüht an.

Doch es gibt auch durchaus schlüssige Neubesichtigungen. So deckt Niels Werber in der „Hermannsschlacht“ ein (im historischen Rückblick verhängnisvolles) Wechselverhältnis von Geo- und Biopolitik auf. Und Yvonne Wübben wartet bei ihrer Lektüre von „Penthesilea“ mit einer überraschenden, aber gut begründeten These auf. Ob es überhaupt die Amazonenkönigin ist, die Achilles getötet hat, erscheint bei ihr nämlich zweifelhaft. Es könnte sich auch um ein Mordkomplott des Souveräns im Amazonenstaat handeln: Penthesileas Untertanen.

Frappierend erscheinen auch Bezüge zwischen dem „Zerbrochnen Krug“ und Sophokles‘ antiker „Ödipus“-Tragödie. Eine Beziehung, die zwar schon länger Beachtung gefunden hat, selten aber so anschaulich wie bei Ethel Matala de Mazza ausgearbeitet wurde.

Cornelia Zumbusch schließlich eröffnet am Beispiel des Dramas „Prinz Friedrich von Homburg“ neue Einblicke in das Verhältnis von Kleist zu Schiller. Unvermutete Bezugnahmen auf „Don Karlos“ werden dabei sichtbar, und Schillers Theorie des „Erhabenen“ erfährt bei Kleist eine praktische Um- und Fortsetzung. Die Bezwingung der Affekte – bei Schiller Grundlage für Pathos – entwickelt sich im „Prinz Friedrich von Homburg“ zu einer machtpolitischen Größe, die stellenweise vom Erhabenen ins Komische abgleitet.

Was an den „Neuen Lektüren“ wirklich neu ist, lässt sich angesichts der ausufernden Sekundärliteratur freilich kaum überprüfen. Unstrittig erscheint nur eins: Es lohnt sich, Kleist zu lesen.

„Ausnahmezustand der Literatur – Neue Lektüren zu Heinrich von Kleist“, Wallstein Verlag: Göttingen 2011; 348 Seiten; 24,90 Euro.

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