„Neue Alchemie“: Landesmuseum Münster zeigt „Kunst der Gegenwart nach Beuys“

Die Erben des Schamanen

Myriam Holme: schwingendeserinnern, 2009

Von Rainer BeßlingMÜNSTER · Sie sind alle in den 1970er Jahren geboren. Joseph Beuys als charismatische Persönlichkeit und Performance-Ereignis konnten sie selbst nicht erleben. Sein medial und in Ausstellungen weiter getragenes Werk und Wirken beeinflusste sie allerdings nachhaltig. So lautet zumindest die These der Ausstellung „Neue Alchemie“ im Westfälischen Landesmuseum Münster.

Elf Künstlerinnen und Künstler hat Kuratorin Melanie Bono eingeladen. Während nicht weit entfernt in der Landeshauptstadt Düsseldorf die große Retrospektive „Parallelprozesse“ an das Werk von Beuys erinnert und dessen Aktualität befragt, gibt die Schau in Münster Beispiele praktisch künstlerischer Rezeption des unbestritten einflussreichen Avantgardisten.

Der Ausstellungstitel deutet an, wo die Anknüpfungspunkte gesehen werden: Beuys als Alchemist, der arme Materialien und Alltagsgerät in auratische Kunstwerke verwandelt, der Energieprozesse als physische Phänomene thematisiert und als psychische Ereignisse im ästhetischen Kontext in Szene setzt. Beuys als Beschwörer ursprünglicher Kraft der Natur und des heilsamen Mythos.

Steine, Metalle, Textilien, Holz, Tiermaterialien, Ton oder Gips treten nicht vorrangig als Werkstoff von Objekten mit figürlicher Darstellungsqualität oder sinnbildlichem Charakter auf. Vielmehr stehen die mit ihrer Stofflichkeit verknüpften Prozesse und Transformationen im Fokus des künstlerischen Interesses.

Karla Black, die in diesem Jahr Schottland auf der Biennale in Venedig repräsentiert, zeigt mit einem auf den ersten Blick wuchtigen, tatsächlich fragilen Vorhang aus Zuckerpapier (It‘s Proof That Counts) die Vergänglichkeit des Materials. Katinka Bock thematisiert in ihren ortsbezogenen Arbeiten Raumbedingungen in ihrem Einfluss auf die ausgestellten Exponate und auf das Beziehung zwischen Objekt und Betrachter. In der Bodenarbeit „Trostpfützen“ spielt sich die Decke des Ausstellungsraums in verformten, mit Wasser gefüllten Fliesen je nach Betrachterstandpunkt anders. Licht, Luft und Wasser treten neben dem Ton als Akteure auf.

In ihrer Arbeit „Local Colour Balance“ lässt sie das Raumklima mitwirken: Drei Zitronen, an einer Eisenstange befestigt, halten sich die Waage mit einem Stoffband. Im Laufe der Zeit trocknen die Zitronen und werden damit leichter – ein unmittelbar sinnfälliger, sichtbarer, direkt mit dem Prozess und der Veränderung von Aggregatzuständen operierender Verweis auf die Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit von Gleichgewichten.

Einige Künstler erzeugen romantische Assoziationen und mystische Visionen, indem sie Technisches und Natürliches kombinieren und kreuzen. Eine geheimnisvolle, Imagination fördernde Nebel-Klang-Landschaft wächst aus Nina Canells Beitrag: mit Wasser gefüllte Plastikwannen, die mit Trommelfell überzogen sind. Ähnlich wichtig wie das Material und seine latenten und faktischen Metamorphosen erscheint in der Ausstellung die Präsentation selbst.

Die Anordnung der Installationen und Skulpturen gewinnt selbst Bedeutung und Symbolkraft. Formale Verhältnisse und inhaltliche Beziehungen der Exponate selbst, aber auch eine häufig nicht greifbare Korrespondenz zwischen Exponat und Betrachter, eine Maßstäblichkeit der Wahrnehmung, die über die bloße visuelle Aufnahme weit hinaus geht und häufig ganzkörperlich genannt werden könnte, werden ins Spiel gebracht.

So entdecken die Ausstellungsmacher in den Werken der jüngeren Künstlergeneration offenkundig eine ästhetische Haltung, die den Räumen und Vitrinen-Arrangements von Beuys nahe kommt. Aura und Spiritualität der Objekte verleihen dem Raum eine magische Energie. An die Stelle bloßer Betrachtung tritt ein beinahe ritueller Mitvollzug von Verwandlungen. Potentiell wohnt jedem Ausstellungsstück Aktionscharakter inne. Der Besucher hat die Möglichkeit, auf unterschiedliche Vitalisierungsimpulse zuzugreifen.

„Neue Alchemie“ noch bis 16. Januar im Westfälischen Landesmuseum Münster. Katalog 24 Euro.

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