Klassisches Beispiel für eine moderne Komödie: Schauspiel Hannover bringt Lars von Triers „The Boss of it all“ auf die Bühne

Das Erbärmliche hinter der Fassade des Gutmenschen

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Der IT-Spezialist und sein vermeintlicher Oberboss: Janko Kahle (l.) und Florian Hertweck. ·

Hannover - Von Jörg WoratEinige Girlanden zuviel, aber ziemlich unterhaltsam: So lautet das Fazit zur neuen Produktion des hannoverschen Staatstheaters. Auf der Cumberlandschen Bühne ist „The Boss of it all“ angelaufen.

Der Stoff ist durch Lars von Triers Film aus dem Jahre 2006 bekannt. Oder auch nicht: Der Streifen war nämlich wenig erfolgreich, was von daher kaum verwundert, als hier zwei sehr unterschiedliche Themenstränge eine etwas befremdliche Verbindung eingehen. Die Grundstory ist das klassische Beispiel für eine moderne Komödie. Ravn, Inhaber einer dänischen IT-Firma, muss ein heikles Problem lösen. Er hat es sich angewöhnt, die Verantwortung für unpopuläre Entscheidungen einem angeblich in den USA residierenden Oberboss zuzuschieben, der in Wahrheit nicht existiert. Ein Kaufinteressent will aber nur mit eben diesem Chef verhandeln, so dass Ravn sich genötigt sieht, den Schauspieler Kristoffer für die Rolle zu engagieren. Durch missliche Umstände weitet sich dessen Auftritt jedoch immer mehr aus und sorgt für zunehmende Verwirrung.

Verwirrend sind auch die regelmäßig auftauchenden Reflexionen über die Darstellungskunst im Allgemeinen, die den Handlungsfluss einerseits behindern, andererseits auf eine Art relativieren, die durchaus ihre Reize hat. Die Schlusspointe speist sich ebenfalls aus diesem Bereich, sie ist so begnadet abwegig, dass man vor derartiger Unverschämtheit fast schon wieder den Hut ziehen muss.

Bei Regisseur Tom Kühnel ist das Stück in, nun ja, bewährten Händen. Er weiß Pointen zu setzen und seine Darsteller ins rechte Licht zu rücken. Denn an schrägen Figuren mangelt es hier nicht, und das Ensemble lotet ihre komödiantischen Facetten lustvoll aus. Das Quartett der Firmenangestellten etwa ist durchweg schwer gestört: Nalle (Robert Guerra) gebärdet sich in Krisensituationen höchst infantil, Gorm (Daniel Nerlich) neigt zu Anfällen von unmotivierter Gewalt, Heidi (grandios mit Mut zur Hässlichkeit: Johanna Bantzer) ist ein extremes Mauerblümchen, Lise (Carolin Eichhorst) das genaue Gegenteil. Florian Hertweck spielt den Kristoffer mit jungenhaftem Charme als Mann am Rande des Nervenzusammenbruchs, Janko Kahle macht in der Rolle des Ravn das Erbärmliche hinter der Fassade des Gutmenschen deutlich.

So weit, so gut. Doch Kühnel hat eben auch einen Hang zur Übertreibung, und diese Inszenierung bildet keine Ausnahme. Da gibt es eine Zombie-Traumsequenz mit allerlei Bühnenzauber, natürlich wird es zwischendurch sehr laut, der Dänenhasser Finnur (schön polterig: Wolf List) muss überflüssigerweise im Wikingerkostüm auftreten. Zudem könnte der Abend eine Viertelstunde kürzer sein, gerade gegen Ende mäandert das Geschehen schon mal im Leerlauf vor sich hin.

Gleichwohl kann der geneigte Besucher hier hinreichend Amüsement samt einer Prise Nachdenklichkeit erwarten. Und wenn die übernächste Vorstellung Silvester stattfindet, ist kaum damit zu rechnen, dass sie dem Publikum die Feierlaune vermiest.

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