Wilhelm-Busch-Museum zeigt Arbeiten von Manfred Deix

Das Erbärmliche der Existenz

Von Respekt ist in den Werken von Manfred Deix wenig zu spüren. Fotos: dpa

Hannover - Von Jörg Worat. Welch größere Weihen kann sich der Normalsterbliche vorstellen, als mit einer eigenen Schöpfung in den Duden einzuziehen? Karikaturist Manfred Deix ist dies gelungen: Eine „Deixfigur“ ist demnach eine „ins Lächerliche verzerrte Darstellung eines Menschen“. Das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover zeigt jetzt unter dem schnörkellosen Titel „DEIX“ eine umfangreiche Ausstellung zum Werk des 2016 verstorbenen Österreichers, der im Februar 70 Jahre alt geworden wäre.

Natürlich mangelt es nicht an besagten Deixfiguren, meist schwergewichtigen Gestalten mit geschmacklosester Kleidung, ausgeprägtem Über- oder Unterbiss und überhaupt tendenziell verzerrten Gesichtszügen. Und natürlich ist von Respekt wenig zu spüren, ob sich da nun Jäger gegenseitig abknallen, Geistliche unkeusch agieren, hier ein grotesk aufgequollener Elvis auftritt oder dort Jörg Haider in Sado-Maso-Outfit – den umstrittenen Politiker hat Deix immer wieder aufs Korn genommen und wurde von ihm regelmäßig verklagt.

Es sind auch bislang selten oder nie gezeigte Arbeiten vertreten, da die Deix-Witwe Marietta dem Museum großzügig Einsicht in die heimischen Schränke und Schubladen gestattet hat. Diese teils großformatigen Zeichnungen gehören zu den stärksten der Ausstellung, kippen oft ins Surreale, zeigen Figuren mit merkwürdigen Auswüchsen an allen möglichen Körperteilen oder seltsame Kombinationen von Mensch und Tier. Und wenn ein Blatt „Zwei Uhr früh“ heißt, ist darauf nicht nur der Trinker an der Theke in Schräglage geraten, sondern auch das Weinglas.

Dass Deix selbst Alkohol und Tabak extrem zugetan war, ist kein Geheimnis. „Er war der unangepassteste, undisziplinierteste Mensch, den man sich vorstellen kann“, sagt Künstlerkollege Gottfried Helnwein, der schon zu Schulzeiten mit Deix befreundet war und ebenso wie Marietta zur Ausstellungseröffnung gekommen ist. „Oft war es mit ihm der reine Horror. Aber immer lustig.“ An Anekdoten ist kein Mangel. Dann geht es darum, wie Deix nach durchzechter Nacht stets doch noch in letzter Sekunde vor der Deadline seine Zeichnungen an die vor lauter Unruhe bereits hysterischen Redaktionen schickte. Oder um die unzähligen Katzen, die sich bei Deixens völlig frei bewegen konnten. Oder um den Antritt beim Wehrdienst, als der mantraartig vorgetragene Satz, der stählerne Hut würde ihm nicht gut stehen, den Zeichner ins Gefängnis brachte, aus dem er offenbar erst durch Anweisung höchster politischer Kreise befreit wurde.

Helnwein scheut sich nicht, Superlative wie „Genie“ oder „Jahrhunderterscheinung“ zu verwenden, und gewährt überhaupt nur einem anderen Zutritt in den Olymp der modernen Zeichner: „Robert Crumb. Und es ist kein Zufall, dass beide aus der 68er-Generation stammen.“ Denn Satire habe nicht nur das Recht, sondern gleichsam die Pflicht zur Auflehnung: „Die gibt es in der Zeit der politischen Korrektheit kaum noch. Deix würde mit seines Zeichnungen heutzutage in den Social Media sofort einen Shitstorm auslösen.“ Der „Mantel des Gutmenschentums“ sei ständig griffbereit, um alles zu ersticken.

Für Helnwein hat Deix stets „das Erbärmliche der menschlichen Existenz“ gesehen und dargestellt, sich aber nie darüber erhoben. Und sind seine Darstellungen der deformierten Kleinbürger nicht doch bösartig? „Er hat diese Menschen ernst genommen und ihnen Gelegenheit gegeben, über sich selbst zu lachen“, betont Helnwein und erzählt von Beobachtungen, die er einst bei Ausstellungsbesuchern gemacht hat: „Die sind gekommen und haben gesagt: ,Schauen Sie mal, wir sind Deixfiguren.‘“

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