Alice Sara Ott über ihr anstehendes Konzert in Hannover und ihre frühzeitigen Karrierepläne

Entweder Pianistin – oder Kanzler Kohl

Hyperaktive Hände: Alice Sara Ott tritt Anfang März in Hannover auf. ·
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Hyperaktive Hände: Alice Sara Ott tritt Anfang März in Hannover auf.

Hannover - Von Jörg Worat. 25 Jahre jung und doch bereits lange im Geschäft: Alice Sara Ott wollte schon als ganz kleines Kind Pianistin werden – entgegen dem Wunsch der selbst am Klavier ausgebildeten Mutter.

Am 8. März spielt die in München geborene Deutsch-Japanerin, die übrigens auch hervorragend zeichnen kann, beim Konzert des Swedish Chamber Orchestra im NDR-Funkhaus Beethoven – und erzählte im Vorab-Gespräch von Heimatlosigkeit, Schwesternliebe und geköpften Barbies. 

Falls jemand die Frage vermisst, warum Alice Sara Ott stets barfuß auftritt: Die Pianistin hat schon oft erklärt, dass sie sich so eben wohler fühle. Und nichts dagegen hätte, wenn das Publikum ebenfalls unbeschuht erschiene.

Sie spielen in Hannover Beethovens Klavierkonzert Nr. 1. Ist das Stück dadurch, dass hier Beethovens Eigenwilligkeit vielleicht noch nicht so sehr zur Geltung kommt, einfacher oder schwerer zu interpretieren?

Alice Sara Ott: Paavo Järvi hat einmal zu mir gesagt, dass dieses Werk seiner Meinung nach das schwerste unter Beethovens Klavierkonzerten sei. Und in der Tat hat es trotz seiner Einfachheit auf den ersten Blick und strukturellen Ähnlichkeiten mit Haydn und Mozart schon erste Anzeichen von der späteren harmonischen Komplexität Beethovens. Durch diesen Widerspruch kann man als Interpret schnell auf einen Irrweg geleitet werden.

Wie muss ein Dirigent beschaffen sein, um mit Ihnen klarzukommen? Mit wem hätten Sie am liebsten zusammengearbeitet: Karajan, Bernstein oder Celibidache?

Ott: Für mich sind alle Begegnungen mit Dirigenten aller Art eine Bereicherung. Beim Musizieren geht es nicht darum, dass der eine sich komplett dem anderen anpasst. Es treffen oft zwei ganz unterschiedliche Auffassungen aufeinander, und man versucht, eine gemeinsame Sprache zu finden. Dazu muss man nicht unbedingt speziell beschaffen sein. Es reicht einfach, ein guter Musiker zu sein. Und was die drei Legenden angeht: mit allen natürlich!

Sie haben in einem Interview immer wieder betont, dass Sie sich, geografisch betrachtet, nirgendwo richtig heimisch fühlen – hat das auch etwas mit einer Sehnsucht zu tun? Was ist denn nun das Deutsche an Ihnen, was das Japanische? Und haben Sie etwas von dem speziellen japanischen Humor mitbekommen?

Ott: Ich denke, dass ich eher den japanischen Humor als den deutschen Humor verstehe. Allerdings werde ich mein ganzes Leben lang der ewige Ausländer sein. Ich wurde einfach noch nie in Deutschland auf den ersten Blick als Deutsche gesehen, und genauso ist es auch in Japan. Und ich spüre in mir eine Kultur am stärksten, wenn ich in dem anderen Land bin. In Japan spreche ich das dort nicht existierende Wort „Nein“ recht häufig aus, und in Deutschland bedanke ich mich für ein Geschenk gleich tausend Mal, so dass meine deutschen Freunde schon oft das Gefühl haben, dass ich es nicht ganz ernst meine. Aber glücklicherweise gibt mir mein Beruf die Möglichkeit, ganz gut mit meiner gespaltenen Identität zurechtzukommen, zumal in der Musik Religionen, Hautfarben und Nationalitäten nicht wirklich eine Rolle spielen. 

Welches ist Ihr Lieblings-Manga?

Ott: Oh je, die Liste wäre länger als Ihre Zeitung.

Und warum können Sie selbst so großartig zeichnen?

Ott: Vielen Dank. Da ich es nie professionell gelernt habe, könnte ich es selbst wahrscheinlich nie als großartig bezeichnen, aber es ist für mich eine Art Entspannung. Ich musste schon als Kind immer was in der Hand haben, und somit lag es dann nicht so fern, dass ich oft mit Stift und Papier am Tisch saß und herumkritzelte. Noch heute ist es so, dass meine Hände immer Bewegung brauchen, ob es jetzt am Klavier ist, am Herd, beim Malen oder mit einem Rubiks Cube. Meine Hände leiden an Hyperaktivität. 

Warum genau hat denn nun Ihre Mutter, selbst Pianistin, nicht gewollt, dass Sie und Ihre Schwester auch diesen Beruf ergreifen? Und stimmt es, dass Ihr Vater Ingenieur ist?

Ott: Meine Mutter hatte selbst Klavier studiert und wollte, dass ihre eigenen Kinder sich zu normalen, vernünftigen Menschen entwickeln. Leider war sie damit nicht besonders erfolgreich. Nein, ich glaube, der wahre Grund war einfach, dass sie der Meinung war, Kindern sollten noch alle Wege offen stehen und uns sollte nicht elternbedingt der Horizont reduziert werden. Mein Vater ist tatsächlich Elektronik-Ingenieur und hat uns seine großen Hände und Füße vererbt. 

Kam für Sie überhaupt jemals ein anderer Beruf in Frage? Wollten Sie zwischendurch doch mal Krankenschwester oder Prinzessin werden?

Ott: Ich war leider überhaupt nicht der Prinzessinnen-Typ. Die wenigen Barbie-Puppen, die es bei uns zuhause gab, waren auch alle kopflos, da ich mehr daran interessiert gewesen bin, wie sie von innen aussehen als von außen. Anscheinend gibt es eine Fernsehaufzeichnung, in der ich mit fünf Jahren auf die Frage, was ich denn später mal werden wolle, geantwortet habe: Entweder Pianistin oder Bundeskanzler Kohl. 

Ihre jüngere Schwester Mona Asuka, ebenfalls Pianistin, sieht auf Fotos frecher aus als Sie – trifft dieser Eindruck zu? Was haben Sie gemeinsam, wo sind Sie ganz unterschiedlich?

Ott: Eigentlich ist meine Schwester die vernünftigere von uns beiden. Wie sagt man so schön: Man lernt aus den Fehlern der älteren Geschwister. Aber sie ist auch die Person, die mir am nächsten steht. Richtige Streitereien gab es bei uns noch nie. Vor allem jetzt, wo wir uns nicht mehr so oft sehen, sind die Momente, die man dann gemeinsam hat, sehr wertvoll. 

Da Sie ja schon in Hannover aufgetreten sind – ist Ihnen irgendetwas von dieser Stadt besonders in Erinnerung geblieben?

Ott: Leider vor allem die fürchterliche Farbkombination der langen Gänge in der Musikhochschule.

Konzert am 8. März im Sendesaal des NDR, Hannover.

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