Entspannt im Palast der Liebe 

In den Bremer Pusdorf-Studios wird mit Industrie-Flair gefeiert

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Jackie Moontan ist die Ein-Mann-Vorband von Say Yes Dog in den Pusdorf-Studios.

Bremen - Die Pusdorf-Studios im Bremer Stadtteil Woltmershausen – im Volksmund Pusdorf genannt – sind ein besonderer Ort. Einst residierte auf dem Areal ein Isolierbetrieb, am vergangenen Wochenende gab es dort Live-Musik. Manche Gäste müssen sich den Weg zu den Studios erst erfragen. Sie liegen etwas versteckt, nicht direkt an der Hauptstraße, sondern auf dem Deich am Woltmershauser Hafen. Über eine Rampe muss man gehen, bevor man den Eingang zu dem Gebäudekomplex hinter einer alten Fabrikhalle findet. Der Hof ist nur durch kleinen Lampen erhellt.

Nachdem der Isolierbetrieb seine Arbeit eingestellt hatte, hatte sich die Firma Sendefähig in dem alten Industriekomplex niedergelassen, die dort unter anderem das YouTube-Format „Y-Kollektiv“ produzierte, daher der Name Pusdorf-Studios. Außerdem ist in dem großen Gebäude ein Künstler-Atelier untergebracht – und seit etwa einem Jahr auch ein Veranstaltungssaal. Vereine wie die „Kulturkraken“ können diesen Ort für Konzerte buchen. So geschehen an diesem Samstagabend.

In den Pusdorf-Studios angekommen, fällt der erste Blick auf eine Unisex-Toilette ohne Eingangstür. Neben dem Waschbecken steht ein Sofa. Der quadratische Veranstaltungsraum mit Industrie-Schick heißt „Halle“, der Nachbarraum mit Theke nennt sich „Aquarium“, der Backstage-Bereich „Palais d’Amour“.

In diesem „Palast der Liebe“ sitzt auf zerschlissenen, alten Sofas die Band, um die es an diesem Abend gehen soll: Say Yes Dog. Wer sie nicht kennt: Das deutsch-luxemburgische Trio besteht aus den Musikern Aaron Ahrends, Pascal Karier und Paul Rundel, verortet sich im breiten Genre des Elektro-Pop und genießt in der Indie-Szene mittlerweile einen guten Ruf. In Bremen will die Band ihr im Mai erschienenes Album „Voyage“ präsentieren.

Kurz vor dem Auftritt geben sich die Musiker gelassen. Aaron, Pascal und Paul blödeln mit ihrem Kumpel rum, der sich als Hector vorstellt, später auf der Bühne als Warm-up-Künstler jedoch Jackie Moontan heißt. Sie seien zum ersten Mal in Bremen, erklärt Say-Yes-Dog-Bassist Paul. „Bremen war bisher nicht so richtig...“, ringt Sänger Aaron um Worte. Dann geben die Drei zu, dass sie nicht gedacht hätten, viele Fans in der Hansestadt zu haben. Falsch gedacht. Fast 200 Leute stehen laut Veranstalter schließlich um halb neun vor der Bühne, als Jackie Moontan sich laut mit einem „Lalalala” einsingt. Nachdem Jackie Moontan, der sich selbst als „your mother’s favourite singer“ bezeichnet, im glänzend-grünen Anzug seine Ein-Mann-Karaoke-Show abgefeiert hat, blicken die Besucher zuerst in tiefe Schwärze, bis sich um 21.20 Uhr mit lautem Applaus die drei Musiker von Say Yes Dog aus der Dunkelheit schälen.

Nach einem entspannten Einstieg mit dem neuen Song „Deep Space” steht mit „Plastik” vom Debüt-Album aus dem Jahr 2015 für die Fans gleich das erste Highlight auf dem Programm. Bei „A Friend” und „How” vom Erstlings-Album „Plastic Love” steht bei diffusem blauem Licht und stampfenden Beats kein Fuß still.

Aber auch neue Songs wie der Senkrecht-Starter „Lies” werden von Say Yes Dog mitreißend inszeniert. Rund eineinhalb Stunden liefert die Band im Licht alter Industrielampen das, was bei den Zuschauern in der ersten Reihe seliges Lächeln mit geschlossenen Augen auslöst. Den Abschluss der Bremen-Premiere von Say Yes Dog bildet mit „Focus” ein Lied, das offenbar auch ohne Instrumente funktioniert. Immer wieder singt die Band mit dem Publikum die letzten Zeilen des Songs. Ohne Verstärkung und nur durch die Kraft der eigenen Stimmen.

Da kann das Publikum auch über den Versuch von Basser Paul hinwegsehen, den Bremen-Fauxpas noch einmal auszubügeln. „Wir haben uns das ein bisschen aufgespart. Bremen ist ein bisschen über den Tellerrand gefallen. Das tut uns leid”, sagt er. Das Publikum nimmt’s mit Humor. Einige haben nach dem Konzert sogar noch genug Energie, um mit dem DJ-Kollektiv „Husch Husch” weiterzufeiern.

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