Bremens Musikuntergrund auf einem Stick

Entspannt im Jetzt

Bremen - Von Tim Schomacker. Machen wir uns nichts vor: Wirkliche Grenzeinreißungen gibt es kaum noch in der Musik. Nahezu alles ist kartographiert. Und das Neue ist eben dabei, endgültig abgelöst zu werden als musikalische Zentralkategorie. Welche dem Neuen in dieser Hinsicht nachfolgt, ist nicht ausgemacht. Im Idealfall führt diese Situation zu Ent- oder Anspannung – die sich klanglich produktiv machen lässt.

Die just erschienene Musik-Anthologie „Waschzwang sensitiv“ – am Wochenende wurde sie in der jungen Bremer Galerie „K‘“ mit einem Mini-Festival vorgestellt – zeigt beide Bewegungen. Und sie zeigt auch, dass eine CD kaum mehr reicht. „Waschzwang sensitiv“ ist musikalisch als Bremen-Sampler, gestalterisch als Kunstobjekt in limitierter Auflage konzipiert: In ein Stück Seife eingegossen findet man (nach ausgiebigem Händewaschen) einen USB-Stick mit 21 Stücken von ebenso vielen hanseatischen Bands, Ensembles und Einzelkünstlern. Fast ausschließlich männlichen Geschlechts, nebenbei bemerkt. Ansprechend verpackt, so dass das Objekt im Parfümerieregal vermutlich verschwinden würde.

Neun Kurzkonzerte wurden an diesem Abend gegeben. Musikalisch reichte das Spektrum von knarziger Objektmusik (mit amplifizierten Luftballons bei „1000schøen“, mit verstärkter Wasserschüssel bei „Feine Trinkers bei Pinkels daheim“) über den skurril-entspannten Improrock von „V.B.Schulzes Bernsteinzimmer“ und David Wallrafs feinsinnige wie kompromisslose Noise-Attacke bis hin zu geloopten Improvisationen des Gitarristen und Sängers „Ztockztock“. Die interessantesten Beiträge zum Premierenabend waren jene, denen es gelang, die je ungefähr zehnminütige Kurzkür prägnant szenisch aufzulösen – und so den Körper des Spielers wieder in den Ring zu werfen. Wie der Körper des Konsumenten handarbeiten muss, bis er zum Hören kommt: Waschzwang von außen.

In gezielter Verlorenheit etwa stand „Noisebreezer“ auf der Winzbühne, brachte es fertig, zum Vollplayback trotzdem noch zu singen. Wie er als „Nakedei“ einkaufen geht, zum Beispiel. Vor dem zweiten Stück tritt er, einen Moment um Geduld bittend, neben die Bühne und bringt vor seinem Gesicht – umständlich und für alle sichtbar – eine Schweinsmaske an. Um dann dezidiert ungelenk und von pluckernden Rhythmen und aufreizend lieblosen Synthetikstreicherklängen unterlegt von Sex zu sprechsingen.

Ansprechender Duo-Klumpen

Im Duo mit dem Geiger und Keyboardspieler Christoph Ogiermann schlug Gitarrist Jan van Hasselt den Bogen zur zeitgenössischen Konzertperformance Marke „Neue Musik“ – als ansprechender Duo-Klumpen, der gelegentlich so klang (und aussah), als hätte wer ein Selbstspielklavier mit Freejazzformeln gefüttert. Van Hasselt war es – als eine Hälfte der Formation Doombruder – vorbehalten, den unterhaltsamen und ob der Vielzahl der Acts (und der je eigenen Perspektive) auch ein wenig durchwachsenen Abend zu beschließen.

„Waschzwang sensitiv“ ist bei K‘ / Öhmschen Cloud erschienen. Von dem Sampler gibt es genau 123 Exemplare.

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ gms

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