Entschieden verschroben

„Extrem laut und unglaublich nah“ in Hannover

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Ein Blick nach oben: Oskar (Daniel Nerlich) versucht, nach den Anschlägen vom 11. September den Tod seines Vaters zu verarbeiten.

Hannover - Von Jörg Worat. „Extrem laut und unglaublich nah“: Der Roman von Jonathan Safran Foer ist ein etwas anderer Text. Nur logisch daher, dass die Theaterfassung des hannoverschen Staatsschauspiels auch eine etwas andere Inszenierung ist.

Zum Beispiel sitzt das Publikum erst nach der Pause im Zuschauerraum. Im ersten, wesentlich längeren Teil nimmt es auf der Bühne Platz – jeder bekommt seinen Drehstuhl, von dem aus er in alle Richtungen schauen kann. Natürlich auch nach oben in den beeindruckenden Bühnenturm, und das ist hier von besonderer Bedeutung. Denn die Handlung kreist um den 11. September 2001.

Allerdings erzählt aus ungewöhnlicher Perspektive: Der neunjährige Oskar, ein entschieden verschrobenes Kind, hat seinen Vater beim Anschlag verloren und sucht nun nach Antworten. Als er in einem Umschlag mit der rätselhaften Aufschrift „Black“ einen Schlüssel findet, sieht er darin einen Hinweis – und macht sich daran, alle New Yorker namens Black aufzusuchen. Stets geplagt von Schuldgefühlen, denn er hat die Anrufe des Vaters aus dem World Trade Center gehört und der Mutter die entsprechenden Aufnahmen verschwiegen. Beim allerletzten Anruf stand er direkt neben dem Telefon – und konnte sich nicht überwinden, den Hörer abzuheben.

Der gesamte Mittelblock senkt sich ab

Überhaupt geht es im Staatsschauspiel in erster Linie um eine Familiengeschichte mit vielen Abzweigungen. Regisseurin Mina Salehpour schickt ihre Akteure denn auch auf Reisen: Mal stehen sie am Rand, mal turnen sie in luftiger Höhe umher, mal wandern sie quer durch das Publikum, welches sich wiederum direkt vor der Pause in zwei Teile aufsplittet, denn plötzlich errichten Bühnenarbeiter in Windeseile Absperrgitter, und der gesamte Mittelblock senkt sich in die Tiefe herab.

Wer eher außen sitzt und somit oben bleibt, macht eine unheimliche Erfahrung: Als die Bühne wieder hochfährt, sind dort alle Stühle leer – angesichts des Themas eine angemessene Analogie und weit mehr als nur ein Effekt.

Nach der Pause nimmt man, wie gesagt, die gewohnten Plätze ein. Das dürfte aber nicht der Hauptgrund sein, weshalb der Abend etwas an Spannung verliert. Bis zu einem gewissen Grad liegt es sogar am Text, der die diversen Verstrickungen etwas zu sehr auflöst – ein paar Fragezeichen hätten ruhig übrig bleiben können. Leicht überbreit angelegt ist nun zudem das Grundtempo, obwohl man den Darstellern nach wie vor gerne zusieht und -hört.

Der Besucher wird den Abend nicht so schnell vergessen

Daniel Nerlich rührt als kurzbehoster Oskar mit Pott-Haarschnitt eine überzeugende Mischung aus Verstocktheit, Exzentrik und Melancholie an. Ansonsten sind Mehrfachrollen angesagt: Dass Beatrice Frey und Katja Gaudard allein durch ihre Präsenz eine Bank sind, versteht sich fast schon von selbst, und Thomas Neumann pflegt eine ganz einzigartige Sprachkultur – er kann fast tonlos artikulieren und dabei doch sehr viel herüberbringen. Sandro Tajouri und Tom Schneider sind für die meist angenehm dezente Live-Musik zuständig, mischen sich aber auch mal ins Spiel ein.

Ein paar Schwächen hat dieser Abend schon. Vergessen wird ihn der Besucher allerdings wohl nicht so schnell – und das ist eine Menge wert.

Weitere Vorstellungen: Sonntag, 17 Uhr, sowie am 16. und 22. Februar, jeweils um 19.30 Uhr, Staatsschauspiel Hannover.

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