Alfred Brendel veranschaulicht „Charakter in der Musik“ anhand von Beethovens Klaviersonaten

Entfesselte Elemente

Alfred Brendel kam als Pianist und Poet in den Sendesaal Bremen.

Bremen - Von Anja Kümmel(Eig. Ber.) · Zunächst wird das Feuer entfacht. Alfred Brendel greift in die Tasten – „züngelnd, lodernd, flackernd“ – und augenblicklich steigen die Temperaturen im Sendesaal von Radio Bremen, an diesem ohnehin schon heißen Sommerabend. Gleich darauf kommt das Element „Wasser“ ins Spiel.

Brendel lässt ein paar weitere Takte von Beethovens Hammerklaviersonate klingen – behutsamer jetzt, strömend, fließend. „Auf das Liquide“, schließt der Klaviervirtuose, ein kurzes Stakkato hämmernd: „folgt eine Hagelschlagepisode!“

Ein Lachen geht durch den voll besetzten Sendesaal, für dessen Erhalt sich Brendel in den letzten Jahren als Schirmherr mit eingesetzt hat. Über 250 Fans des knapp 80-jährigen Pianisten sind gekommen. Die jahrzehntelang gewachsene Bewunderung für den angenehm bodenständigen „Antistar“, der sich 2008 von der Konzertbühne verabschiedete, liegt spürbar im Raum.

Nun ist Brendel als Vortragsreisender auf Tournee. Ganz gleich, ob seine mit musikalischen Beispielen unterlegten Ausführungen über den „Charakter in der Musik“ poetisch oder humoristisch ausfallen – nachvollziehbar sind sie immer. Mehr noch: Sie sind spürbar. Mit klug gewählten Worten und wenigen Tönen vermittelt er seinem Publikum die „Seelenlage“ eines Stücks.

Brendels treffenden, bildhaften Interpretationen ist anzumerken, dass neben der Musik auch Literatur und Malerei zu seinem Metier gehören. Er veröffentlicht sowohl musikästhetische Essays als auch skurril-groteske Gedichte. „Sprache,“ sagt er: „kann die Wahrnehmung stützen.“ Jedoch muss ein Musikstück auch ohne Beschreibung in der Lage sein, zu überzeugen. Das Verständnis der formalen Struktur helfe bei der Durchdringung seiner „Seelenlage“ nur bedingt, erklärt er, und bezieht sich dabei auf die Worte des österreichischen Komponisten Arnold Schönberg: „Es gibt nicht einen Scherzo-Charakter, sondern Tausende“. Im Idealfall stehen Struktur und Atmosphäre eines Musikstücks in einem produktiven Spannungsverhältnis zueinander.

So auch in der wechselvollen Hammerklaviersonate. Sie sei das „Elementarste“ der Klavierwerke Ludwig van Beethovens, befindet Brendel, beinahe „manisch-depressiv“ in ihrem stetigen Changieren zwischen B-Dur – der „hellen“ – und h-Moll – der „schwarzen Tonart“. „Sie entfesselt die Elemente,“ erläutert Brendel: „und hält sie doch strukturell unter Kontrolle“.

Nicht nur die Zuordnung zu den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde kann hilfreich sein für die Betrachtung der Werke Beethovens. In der Waldstein-Sonate beispielsweise sieht Brendel eine sich weitende Landschaft, die sich allmählich aus dem pianissimo misterioso heraus öffnet. „Während die Außensätze hinaus ins Helle greifen, führt uns das Adagio des zweiten Satzes ins Dunkle der eigenen Natur.“ Doch auch die Leichtigkeit fehlt nicht. „In den Tälern wird getanzt,“ fügt Brendel verschmitzt hinzu und spielt den Auftakt des abschließenden Rondos mit erfrischender Heiterkeit.

„Tanzend“ geht es auch in der Klaviersonate Nr. 16 G-Dur op. 31 Nr. 1 zu, sogar: „mit einer deutlichen Neigung zum Grotesk-Komischen“. Allein die Bezeichnung des Mittelsatzes „Adagio grazioso“ berge einen Widerspruch in sich. Zur Veranschaulichung, wie komplett verschieden ein und dieselbe Anweisung zur Interpretation der Sonate verstanden werden kann, spielt er zwei Versionen hintereinander – seine eigene, gemäßigte, und gleich darauf die von Beethoven intendierte kapriziös-skurrile. Der Kontrast ist verblüffend.

„Beethovens Interpretation,“ beschließt Brendel mit der für ihn typischen subtil-schrägen Ironie: „klingt wie eine von Rossini angefertigte Parodie meiner eigenen liebreizenden. Finden Sie nicht?“

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