Hawthornes „Haus mit den sieben Giebeln“

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Kreiszeitung Syke

Syke - Von Johannes BruggaierAuch wenn Blumenläden und Hollywoodregisseure das anders sehen: Romantik ist kein freudig verliebtes Säuseln im Dämmerlicht.

Romantik ist der dunkle Ozean des Unbewussten, eine üble Mischung aus Albträumen und verborgenen Trieben, aus verdrängten Sünden und geheimem Begehren. Wo der Tauchgang in ganz tiefe Regionen führt, spricht man von „schwarzer Romantik“. Besonders tief einzutauchen vermochten Autoren wie E.T.A. Hoffmann und Marquis de Sade – in der europäischen Literatur. Doch auch die amerikanischen Vertreter der schwarzen Romantik kennt heute jedes Kind: „Moby Dick“-Autor Herman Melville etwa oder Gruselautor Edgar Allan Poe.

Ein Name dagegen ist im deutschen Sprachraum erstaunlich wenig präsent, obgleich er für die Begründung des psychologischen Romans in Amerika steht: Nathaniel Hawthorne, Zeitgenosse von Poe wie von Melville, letzterem sogar freundschaftlich verbunden. In der Manesse Bibliothek ist nun sein Roman „Das Haus mit den sieben Giebeln“ neu erschienen. Es ist ein Appell an das deutsche Publikum, endlich diesen großen Autor zu entdecken.

Hawthornes literarisches Schaffen ist gekennzeichnet von einer familiären Prägung im tiefsten Puritanismus. Unter dem immerwährenden Schatten der Erbsünde lässt er seine Figuren um ein eigenständiges Leben ringen, um eine Existenz, die unbelastet ist von Verfehlungen vergangener Tage.

Wie schwer diesem Schatten zu entrinnen ist, zeigt sich in ebendiesem „Haus mit den sieben Giebeln“, das ein Ahnherr der wohlhabenden Familie Pyncheon einst nur durch brutale Enteignung des rechtmäßigen Grundstücksbesitzers erbauen konnte. Gestraft wurden die Pyncheons gleich dreifach. Denn erstens musste dieser Ahnherr schon bald nach seiner schändlichen Tat das Zeitliche segnen. Zweitens hat die Art seines Todes bei seinen Nachkommen seither verblüffend oft eine Wiederholung gefunden, so dass man beinahe an einen Fluch zu glauben geneigt ist. Und drittens sind die Güter der Familie über die Jahre hinweg sukzessive zusammengeschrumpft, weshalb die Hauptfigur dieses Romans, eine vorwiegend schlecht gelaunte alte Jungfer namens Hepzibah, zum beruflichen Gelderwerb gezwungen ist – als erste in der langen Geschichte der Pyncheons.

Der Autor lässt seine Antiheldin gegen die Geister der Vergangenheit antreten. Sichtbar werden diese in einem unschuldig für 30 Jahre inhaftierten Bruder einerseits und einem akkuraten Cousin andererseits, der ersterem seinen Gefängnisaufenthalt einst eingebrockt hatte.

Die Explosion dieser familiären Sprengladung unter dem Dach des verfluchten Hauses inszeniert Hawthorne in Zeitlupe. Dabei wird sichtbar, wie Zukunft an Vergangenheit zerbrechen kann und wie Fortschritt allein durch Unglück möglich wird. Es ist ein finsteres Szenario, in dem schlaglichtartig so verblüffende Momente aufblitzen wie die Vorwegnahme der Globalisierung oder eine auf wenige Sätze zusammengeschmolzene Geschichte des neuen Amerika.

Das alles geschieht in einer Sprache, die mit ihren verschlungenen Wendungen nur so lange als hinderlich empfunden wird, wie man in ihr nicht die passgenaue Gegenform zur von Mysterien und Geheimnissen durchdrungenen Handlung erkennt. Übersetzerin Irma Wehrli ist es gelungen, den romantischen Duktus zu wahren, ohne ihn mit romantisierenden Manierismen einzutrüben.

Ein Zugeständnis an die Blumenladenromantik der Hollywoodzeit hat dieser Roman dann unvermutetes doch noch parat. Für Hawthorne untypisch wird der Leser nach all der überbordenden Düsternis mit einem kleinen, hellen Happy-End belohnt.

Nathaniel Hawthorne: „Das Haus mit den sieben Giebeln“, Roman, übers. v. Irma Wehrli, Manesse Verlag: Zürich 2014; 512 Seiten; 24,95 Euro.

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