Drei Uraufführungen unter dem Titel „Don’t think twice“ lassen das Publikum in Hannover fast in Ekstase geraten

Opernhaus Hannover: Energetische Abstufungen der Bewegungskunst

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Geht nicht auf halber Backe: Michèle Stéphanie Seydoux, Orazio Di Bella, Ensemble. 

Hannover - Von Jörg Worat. „Don’t think twice!“: Nein, auf Deutsch klingt sie irgendwie nicht so gut, Bob Dylans legendäre Aufforderung, sich keinen gar zu großen Kopp zu machen und einfach mal loszulegen. Das Staatsballett beließ daher das prägende Motto der 60er Jahre im Original – für einen Abend mit gleich drei Uraufführungen in großer Besetzung.

Den Auftakt im Opernhaus steuert der Österreicher Georg Reischl mit seiner Choreographie „Zeitsprünge“ bei. Ein berechtigter Titel schon angesichts der Musikauswahl von Mozart bis Cyndi Lauper, und überhaupt steht hier das formale Element stark im Vordergrund. Eine Bühnenhälfte ist schwarz, die andere weiß, entsprechend die Kostüme, die allerdings in scharfem Kontrast zwischendurch auch pink daherkommen können.

Das Bewegungsrepertoire umfasst unter anderem das Spiel in und um die Statik von Reifröcken nebst erhobenen Armen in verschiedenen Spannungszuständen – fraglos interessant, aber nicht sonderlich anrührend.

Ganz im Gegensatz zur Arbeit von David Blázquez aus dem hauseigenen Ensemble, wenngleich der Titel „450 m²“ eher mathematisch klingt. Er bezeichnet die Bühnengröße im Opernhaus, und auf diesem begrenzten Platz lässt Blázquez eine Fülle von Begegnungen stattfinden, ebenfalls zu variantenreicher Musik zwischen John Cale und Moondog. Das kann schon mal die Form eines gefälligen Gruppentanzes annehmen, überwiegend jedoch flackern Spannungen auf. Da zicken sich etwa Giada Zanotti und Aleksandra Liashenko munter an bis hin zum Griff in die Haare, und Giovanni Visone frönt in einer großen Plastikkugel ausgiebig dem Cocooning, allerdings nur so lange, wie das Restensemble dies zulässt.

Es gibt ein verbindendes Element in Gestalt von Cássia Lopes, die zwar im Einzelfall bei den Bewegungen der Kollegen nachhilft, ansonsten aber ein Paralleluniversum schafft, das wirkt, wie aus Zeit und Raum gefallen. Die Mittvierzigerin entwickelt mit ihrem aus der Gebärdensprache abgeleiteten Tanz streckenweise eine fast magische Präsenz – ganz groß.

Zum Abschluss saust der Hammer auf das Publikum hernieder. Dabei beginnt das Stück „Into the Flash“ des Israelis Yaron Shamir mit gemessenen Bewegungen ritueller Anmutung. Doch die Ruhe endet abrupt: Zu Klängen von Hans Zimmer pflügt das Ensemble über die mit einer Art schwarzem Blattwerk bedeckte Bühne, ein Stroboskop kommt ebenso zum Einsatz wie eine Windmaschine. Es gibt viel Bodenkampf, und wenn keine Steigerung mehr möglich scheint, setzt die Truppe noch eins drauf. Das schließt Ruhepunkte nicht aus, der schönste kommt gegen Ende, wenn das Saallicht angeht und das Ensemble mit nach vorn gekehrten Handflächen an den Bühnenrand tritt – eine fantastische Geste der Öffnung.

Sehr treffend beschreibt Shamir, der vor der Tänzer- und Choreographenkarriere als Armeeoffizier gedient hat, im Programmheft seine Arbeitsschwerpunkte mit „Struktur und Energie“. Von klassisch-erzählerischem Zugriff kann bei seinem Stück keine Rede sein, es strotzt auch nicht gerade vor Tiefsinn. Dafür ist es ungeheuer intensiv, zumal die Compagnie voll mitzieht: Auf halber Backe kann man diesen Brocken eben nicht abtanzen.

Das Publikum spendet am Schluss allen Beteiligten einen Monsterapplaus, der irgendwann ans Ekstatische zu grenzen beginnt. Ob man diesen Abend besuchen soll? Wer zeitgenössische Tanzsprachen unterschiedlicher Art kennenlernen will und sich vor allem für energetische Abstufungen in der Bewegungskunst interessiert, muss nicht unbedingt zweimal darüber nachdenken.

Die nächsten Vorstellungen: Mittwoch, 19.30 Uhr, Sonntag, 12.2., 16 Uhr, Hannoversches Opernhaus.

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