„Im Land des Lächelns“: Lehár klingt in Bremen nicht nur nach Operette

Endstation Exotik

Dein war mein ganzes Herz: Peggy Steiner und Luis Olivares Sandoval. ·

Bremen - Von Rainer Beßling. Der Kulturkonflikt als Liebestöter – das Problem kannte schon die Wiener Operette. Im „Land des Lächelns“ schlägt für die Grafentochter Lisa im fernen China die Stunde der Wahrheit.

Dass sie der Verführungskraft des Exotischen folgte, bezahlt die adlige Europäerin am Ende teuer. Ihr geliebter Prinz Sou-Chong kann den Gesetzen und Traditionen seines Landes nicht entfliehen. Es kommt, wie für das Unterhaltungsgenre nicht unbedingt üblich, zum Bruch, zum Abschied von Illusionen und zur Entsagung. Fernöstliches Lächeln als Überlebensstrategie im Korsett der Konventionen passt final zu westlicher Fassadenpflege: „...denn wie‘s da drin aussieht, geht niemand was an“.

Da stehen am Ende von Lukas Langhoffs Bremer Inszenierung des Lehár-Klassikers Lisa, Sou-Chong und Prinzessin Mi fest verwurzelt im Bühnenmulch und gefangen in ihren Kulturen. Zuvor wurde Lisas Einsicht in die Unmöglichkeit einer Kontinente übergreifenden Liaison von einer multikulturellen Parade eskortiert: Die Frauen dieser Welt wissen da offenbar ein Wörtchen mitzureden.

Mi und Lisas Wiener Verehrer Gustl gehen mit ihrer wechselseitigen Entflammung pragmatischer um. Auch wenn der chinesische Gesetzeshüter, Prinzen-Onkel Tschang, als Karikatur eines senilen tatterigen Politfunktionärs auftritt und ein China der Uniformität und pompösen Machtsymbole überlebt wirkt, unterliegen des Prinzen Liebe und aufrechter Gang.

Langhoff nimmt in seiner Inszenierung den für die Operette überraschend tief konfliktreichen Stoff ernst, nutzt aber auch jede Chance zu Komik, Kalauer und Klamauk. Man muss nicht jeden Einfall mögen und darf über manche Idee überrascht bis verwundert sein, doch stromlinienförmigen Unterhaltungsehrgeiz darf man der Inszenierung ebenso wenig vorwerfen wie pure Provokation.

Dass junge Tänzerinnen und Tänzer von der Bremer Kultur-Initiative „Quartier“ die Ballett-Einlagen übernehmen, frischt das Bühnengeschehen auf, macht das „Falsch-Verliebt-Sein“ auch zu einer Jugendsache, und immerhin wird erkennbar, dass sich die Pop-Musik der 1920er Jahre und aktuelle Tanzkultur nicht nur beißen. Kleine humoristische Kabinettstücke darf Susanne Schrader in der Rolle des Obereunuchen abliefern. Wenn Darsteller aus ihrer Rolle treten, Gags unter die Amouren und den Zusammenprall der Kultur gestreut werden, ist eine zweite Ebene eingezogen, in der sich das Operettenhafte bricht. Eine andere Spiegelfläche aber reflektiert Liebe, Hoffnung und Gefühlsintensität, mit der Lehárs Operette die Grenzen zur Oper durchlässig macht. Schön der Einfall, Prinzessin Mi, von Steffi Lehmann gesanglich und darstellerisch sehr überzeugend interpretiert, ein Kinderpaar als Inkarnation von Unschuld und Sinnbild des Anfangs in zwei Sprachen ein Hikmet-Gedicht sprechen zu lassen: kleine poetische Insel der Utopie.

Das Konfliktpotenzial des Stoffs schlägt sich in der Partitur nieder, die Florian Ziemen spannungsvoll, klanglich nuanciert und unter Ausmusizieren eines großen dynamischen Reichtums zum Klingen bringt. Das musikalische Salonstück wird zum subtilen Kammerspiel, in dem auch die bekanntesten Melodien im orchestralen Kleid neue Facetten erhalten, in dem strukturelle Raffinessen, die wechselnde Einbettung von Leitmelodien, Brüche und Umbrüche, Risse und Abstürze in dramatischer Zuspitzung Raum erhalten. Die spezielle Sprache der Operette, keineswegs gesunkenes Operngut, hat mit Ziemen einen hervorragenden Anwalt.

Auch wenn man weiß, dass das „Land des Lächelns“ seine Existenz einem ganz persönlichen und speziellen Einsatz Richard Taubers zu verdanken ist, dass es um Bravourauftritte geht, ist doch in Lehárs Meisterwerk eine opernnahe vokale Herausforderung zu erkennen, die nichts mit oberflächlicher Artistik und Amüsement zu tun hat.

Die Bremer Opern-Sängerinnen und -Sänger entsprechen dem in dramaturgisch anspruchsvoller Gestaltung ihrer Partien. Dennoch lässt Luis Olivares Sandoval bei aller Souveränität der Stimmführung jene Dosis Schmelz, Weite und Biegsamkeit vermissen, die Lehárs geniale Gassenhauer richtig glühen lassen könnten. Peggy Steiners (Lisa) Stimme könnten ein wenig mehr Größe und Farbenreichtum nicht schaden. Die Anforderungen an Christian-Andreas Engelhardt sind überschaubar. Er löst sie sicher. Zur Chronistenpflicht gehört die Schilderung der Publikumsreaktion. Den größten Applaus erhielt der Dirigent, Regisseur Langhoff trat nicht vor das Publikum.

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