Nachhaltig irritierend: Mit „Mütter“ erinnert das Bremer Theaterlabor an Einar Schleefs großen Wurf

Ein endlos geflochtenes Band

Im Haus der Trauer. Foto. M. Nicolai

Von Tim SchomackerBREMEN (Eig. Ber.) · Du sollst doch nicht um deinen Jungen weinen: Auf atemberaubend kitschige Weise wiederholt sich in des holländischen Kinder-Sängers Schnulze jenes Band zwischen Mutter und Sohn, das schon der antiken Dichtung zu reichlichem Beweggrund wurde. Heintje-Kitsch in brachialem Frauenchorgepräge, das wär mal was!

Kommt in der Bremer Version von Einar Schleefs „Mütter“ aber nicht vor. Dafür der Chor, den das Multitalent Schleef so außerordentlich schätzte. Zwanzig Jahre nach „Mama“ presst er mit „Mütter“ ein Stück (und einen Regiestil) in die bundesdeutsche Theaterlandschaft, was nachhaltig irritierte. Gemeinsam mit Suhrkamp-Lektor Hans-Ulrich Müller-Schwefe (der heute als Schleefs Nachlass-Verwalter fungiert) nahm er sich die Theben-Klassiker von Aischylos und Euripides vor. Zumindest zeitlich im Fahrwasser seines Mutter-Romans „Gertrud“ (1983) – der stellvertretend jenen Geschichtssteinbruch erkundete, der sich im Innen-(Er)Leben von Frauenbiographien des 20. Jahrhunderts abgelagert hatte – konzentriert sich auf die Titel gebenden Mütter. Und der wahre Skandal der Frankfurter Uraufführung 1986 dürfte gewesen sein, dass Schleef mit einer chorischen Hundertschaft tatsächlicher Mütter arbeitete – eher ein säkulares Ritual denn ein Theaterstück vollziehend.

Die Ineinanderverschränkung von Individuum und Kollektiv findet auch in Patrick Schimanskis Inszenierung ihren Platz; übrigens der ersten Wiederaufführung überhaupt. Sagenchronologisch befinden wir uns in den ersten nachödipalen Jahren. Polyneikes und Eteokles, jeweils Spross der Orakelspruch erfüllenden Verbindung, streiten um die Herrschaft in Theben. Mit simpler Verdrehung der Reihenfolge aber flechten Schleef und Müller-Schwefe ein endloses Band: Es heißt Tragödie und Krieg. In „Mütter“ bitten selbige erst um die Herausgabe der toten Söhne, danach wird die eigentliche Vorgeschichte erzählt: Polyneikes’ Heer hatte sich vor Theben aufgerieben.

Schimanskis Version rückt die Reproduktion des Todes in den Mittelpunkt. Im ambivalenten Frauenkollektiv ist nicht nur Trauer zu Haus, sondern aus der Trauer entstehen auch neue (Kriegs-)Forderungen. Die wiederum Tote produzieren, die wiederum Mütter haben. Die Bremer Concordia ist so schnörkel- und ausweglos wie Schleefs Text, die Ausstattung so karg wie deren Betonwand. Die Mittel des Theaterlaborensembles, diesen mit Leben (und eben auch Tod) zu füllen, sind begrenzt. Immer wieder mischen sich Unschärfen in die chorische Erzählung, immer wieder scheren Gestik und Mimik aus dem Kollektiv aus. Immer wieder ersetzt, zumal in den quasi solistischen Partien, das Schreien den Druck. Bilder wie jenes, wo der König von Argos (Polyneikes hatte bei ihm Zuflucht gefunden, er daraufhin den Athener Theseus bei der Rückführung der vor Theben Gefallenen um Hilfe gebeten) Lobendes über die Toten verliest. Und dabei die funktionalen Wiedersprüche eines Ministerialbeamten in seiner Stimme aufnimmt. Oder wenn ein weiß gewandetes Dickerchen als Groteskversion der Göttin Athene gerade durch den Bild-Bruch die Aufmerksamkeit wieder herstellt. Oder der Chor, der lange um Eteokles Regierungsschreibtisch herum auf dem Boden liegend verharrt hatte mit einem (hier gezielt verwischten) Stimmcluster langsam wieder zum Sprechen anhebt.

Gerade angesichts der Toten, die in schwarzen Müllsäcken auf die Bühne geschleift werden, hätte man sich mehr Wucht und Sog gewünscht, die tragische Trauer der Mütter in den Zuschauerraum zu schleudern. Doch genau wird der Chor, wird die Kollektivfigur der weinenden Mutter, die sich den Schmerz einverleibt, um so zum entschieden zwiespältigen Zirkelschluss anzusetzen zu kleinen, statuengleichen Trauerskulpturen auseinander gemeißelt. Hier würde die Sorge der Mütter im Sinne des Stücks zur selbsterfüllenden Weissagung – die sich irgendwann gegenüber dem Ödipus leitenden Orakel emanzipiert.

Nächste Vorstellungen: 19. bis 21. und 26. bis 28. August, sowie 2. bis 4. und 10., 11. September. Jeweils um 20 Uhr in der Concordia, Schwachhauser Heerstraße.

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