Endlich Lyrik: Der Bremer Literaturpreis 2015 geht an Marcel Beyer

Möbelstoff und Müdigkeiten

+

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Und der Bremer Literaturpreis 2015 geht an: die Lyrik! Tja. Warum auch nicht?

Bei all den ständigen Bemühungen der Verlage um den nächsten großen Bestsellererfolg sorgt es regelmäßig für Irritationen, wenn Juroren plötzlich einfällt, dass es ja noch andere literarische Gattungen gibt als die Prosa. Lyrik zum Beispiel ist ein fast schon vergessenes Gut.

Freilich: In der Schule wird sie gepaukt, vor allem die schlechte wie etwa Schillers hohltönendes „Lied von der Glocke“. Neue Gedichte aber sind für gewöhnlich Ladenhüter, was unter anderem daran liegen könnte, dass Anspruch und Konsumfreundlichkeit bei ihnen besonders unvereinbar erscheinen. Mit End- und Paarreimen ist dieser Gegenwart nun mal nicht mehr beizukommen, und wer es doch versucht, landet in der Scheinwelt des Schlagers. Nun also ist Marcel Beyer mit seinem Gedichtband „Graphit“ der erste Lyriker seit Lutz Seiler im Jahr 2004, der mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet wird. Und das zu Recht.

Dem dürfte auch der Verfasser des „Graphit“-Klappentextes zustimmen. Dass Beyer nach zwölf Jahren wieder Gedichte publiziert wird dort in erkennbar ironischem Marktgeschrei („Endlich!“) gepriesen. Um sogleich mit den üblichen Begrifflichkeiten der Literaturwissenschaft über die „motivische Klammer“ zu spekulieren, die sich in diesem Band erkennen lasse. Von „Materialität“ ist da die Rede, von „Mehrstimmigkeit“ und „Echowirkung“. Eine Bezugnahme auf Rilkes Dinggedichte klingt darin an, ein bisschen auch auf Baudelaire, hinten findet sich sogar manch expliziter Verweis auf Inspirationen, etwa durch Thomas Kling und Elias Canetti, Georg Trakl und Robert Walser.

Doch solcher Bezüge bedarf es gar nicht, denn diese Lyrik funktioniert ganz von allein. Sie funktioniert im Kleinen wie im Großen, als einzelnes Gedicht wie als ganzer Band. Auch wenn die Gedichte über mehr als zehn Jahre hinweg entstanden sind, weitgehend unabhängig von einander ohne thematischen Überbau, so offenbart ihre nachträglichen Ordnung im Band doch eine eigene Dramaturgie – als spiegele sich die Entwicklung des Besonderen auf phylogenetische Weise auch im Allgemeinen.

Los geht es, sofern man sich denn eine chronologische Lektüre vornimmt, mit einer wunderbar winterlichen Irritation. Da lässt das Lyrische Ich die Schneeflocken und Winterwälder in aller urbanen Künstlichkeit entstehen, als bloße Schablone romantischer Naturerfahrung, derer sich Flachländer mittels Skihallen im Ruhrgebiet bedienen. Das Drehbuch dazu, wie könnte es anders sein, stammt aus der Filmindustrie, die schon in den dreißiger Jahren ganze Schneestürme künstlich zu inszenieren verstand. Naturerfahrung, dieser romantische Urmythos vor allem der deutschsprachigen Lyrik, reduziert sich auf ihren symbolischen Gehalt. Was bleibt, ist eine Folie von Zeichen als Projektionsfläche für die Sehnsüchte des Menschen: Berge, Wälder, Schnee.

Statt von Gebirgsstürmen und Gerölllawinen lässt sich das städtisch sozialisierte Individuum unserer Tage von Zeichen erschlagen. Von Buchstaben, Wörtern, Schildern, Piktogrammen: Codes, die für Geschichten wie auch für die Geschichte stehen.

Beyer führt seinen Leser gewitzt in die Irre, wenn er ihn begrifflich zunächst ins Gebirge führt. Denn natürlich kommt einem ebendieses selbst dann in den Sinn, wenn der erste Vers von einem Gebiet „nördlich der Alpen“ spricht. Von „Jungfrau“ ist die Rede und vom „Trümmerkogel“, von der „Bergrettung“ gar, die sich abseilt in eine „gefaltete Welt“. Spät erst zeigt sich: Nicht an der Eiger-Nordwand findet dieser Einsatz statt, sondern im Kölner Untergrund. Das Stadtarchiv ist eingestürzt, Berge von Schriften lasten auf dem Verschütteten, und nicht die Natur bedroht hier sein Leben, sondern der tonnenschwere Ballast der Zivilisation.

Es stimmt schon, dass der Materialität eine szenische Wirkung zukommt. Doch relevant kann eine solche Wirkung nur werden, wenn sie am Ende etwas über den Menschen aussagt, der sich zu dieser Materialität verhält. Beyer setzt ihn an einem banalen Alltagsgegenstand wie dem Gartengrill der „Hitze“ aus, der „Zange“, dem „Messer“, dem „Feuer“, dem „Rauch“ und verbindet diese Pseudo-Grenzerfahrung des Wohlstandsbürgers mit seiner ebenso bürgerlichen Erotik.

Der tägliche Dämmerzustand des jeglicher Gefahren entwöhnten Konsumenten findet seine Entsprechung in einer penetrant gleichförmigen Gedichtstruktur aus vierzeiligen Strophen mit meist drei- oder vierhebigen Versen, wobei mit Vorliebe Enjambements über die Strophe hinaus in den ersten Vers der nächsten eingesetzt werden. Nicht zuletzt geben sich in amüsanten Assonanzen und Alliterationen („“) ganz beiläufig die wohlstandssatten Trägheiten zu erkennen. Das alles ergibt einen meditativen Sound, ein Wiegenlied für die Bewohner des Schlaraffenlandes: einer von wattigen Zeichensystemen umhüllten, geschützten Existenz.

Nur einmal wacht das Lyrische Ich auf, reflektiert in ausschweifenden, mitunter siebenhebigen Versen mit wilden Zeilensprüngen und empört ausrufenden Versalien die beunruhigenden Nachrichten aus den Regionen des Terrors. Hektisch spricht es vom „Wahnsinn Abbottabad“ und „Gottes Zorn“, von „Kohl, Kartoffeln und Haschisch im Hof“. Doch die Bedrohung reicht über den Fernseher nicht hinaus, dem Bürger in der „Heimat“ bleibt als tatsächliche Sorge nur die um seinen „Carport“ – in einem „Leben aus Pappe“.

Der Bremer Literaturpreis ist nicht aus Pappe, sondern dotiert mit 20000 Euro. In der über 60-jährigen Geschichte dieser Auszeichnung ist Marcel Beyer der elfte Lyriker, dem sie zuteil wird. Eine gute Entscheidung.

Marcel Beyer: „Graphit“, Gedichte, Suhrkamp Verlag: Berlin 2014; 207 Seiten; 21,95 Euro.

Der Bremer Literaturpreis wird heute im Bremer Rathaus verliehen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Schlüsselzeuge Sondland bringt Trump in schwere Bedrängnis

Schlüsselzeuge Sondland bringt Trump in schwere Bedrängnis

Razzia gegen "Hawala-Banking"

Razzia gegen "Hawala-Banking"

Nienburg: Dach für Eisbahn steht schon 

Nienburg: Dach für Eisbahn steht schon 

Immer mehr Schweinepest-Fälle nahe deutscher Grenze

Immer mehr Schweinepest-Fälle nahe deutscher Grenze

Meistgelesene Artikel

Reiche Küste

Reiche Küste

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

Keine Sonne, keine Pinguine

Keine Sonne, keine Pinguine

Bremer Philharmoniker: Inspirierender Beitrag zur Geschichte der Sinfonie

Bremer Philharmoniker: Inspirierender Beitrag zur Geschichte der Sinfonie

Kommentare