Sprengel-Museum zeigt Kurt-Schwitters-Preisträgerin Mika Rottenberg

Endgültig übergeschnappt

Irres Panoptikum: Bild aus Mika Rottenbergs Videoarbeit „Cosmic Generator“. Fotos: Mika Rottenberg
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Irres Panoptikum: Bild aus Mika Rottenbergs Videoarbeit „Cosmic Generator“.

Hannover - Von Jörg Worat. „Beziehungen schaffen, am liebsten zwischen allen Dingen der Welt“: Dieses künstlerische Ziel gab einst Kurt Schwitters (1887 bis 1948) aus, und nach einem solchen Maßstab kann es eigentlich gar keine würdigere Gewinnerin des von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung vergebenen, mit 25 000 Euro dotierten Kurt-Schwitters-Preises geben als Mika Rottenberg. Eine sehr spezielle Ausstellung im Sprengel Museum gibt Einblick in das überbordende Werk der 1976 in Argentinien geborenen Künstlerin, die mittlerweile in New York lebt. Rottenbergs Werke sind höchst angesagt, waren unter anderem auf der Venedig-Biennale vertreten und finden sich in bedeutenden Sammlungen.

Die Welt hat sich seit Schwitters‘ Zeiten sehr verändert – ob zum Guten oder zum Schlechten, sei dahingestellt. Möglicherweise ist sie bunter geworden, bunt jedenfalls ist diese Schau, die man durch einen Vorhang aus Glitzerwerk betritt. Um gleich von einer riesigen Videoarbeit namens „Cosmic Generator“ nachgerade erschlagen zu werden. Hier werden in der Tat Beziehungen geschaffen – und zwar auf der Grundlage von Aufnahmen rund um einen Tunnel zwischen Kalifornien und Mexiko; die Grenze verläuft an dieser Stelle mitten durch eine Stadt, und der Warenfluss, so heißt es, wird vor Ort offenbar bevorzugt unterirdisch abgewickelt. Dazwischen geschnitten sind Bilder vom größten chinesischen Markt für Dekoartikel aller Art, und insgesamt entsteht ein irres Panoptikum: klaustrophobe Räume und erschöpfte Arbeitskräfte hier, dort ein Übermaß an kakelbuntem Tand, ohne den die Menschheit wohl kaum ärmer dran wäre. Kein Wunder, dass Rottenberg gern vom „social surrealism“ spricht.

Der nächste Raum ist deutlich reduzierter, jedoch nicht weniger bizarr. Auf den vier Seiten eines monumentalen Quaders ist jeweils eine Mini-Installation zu sehen. So wippt ein Pferdeschwanz aus einer Wand, in Ehren ergraut, aber putzmunter. Um die Ecken herum schraubt sich jeweils ein Finger hervor, bei dem die Maniküre offenbar einen besonders schlechten Tag hatte. Und wer in ein kleines Lippenpaar blickt, kann dahinter andere Körperteile erkennen.

Richtig schön eklig: „Spaghetti Blockchain“.

Endgültig übergeschnappt wird‘s dann bei der Europa-Premiere des Videos „Spaghetti Blockchain”. Der widersprüchliche Titel – was hat das allseits beliebte Nahrungsmittel mit der Verkettung von Datensätzen zu schaffen? – spiegelt sich in den Darstellungen: eine visuell-akustische Überforderung sondergleichen, dabei schlüssig in einem suggestiven Fluss komponiert, dem man sich kaum entziehen kann.

Zwei Grundzüge kristallisieren sich mit der Zeit heraus: Zum einen geht es um den Kontrast zwischen sehr Natürlichem und höchst Künstlichem, zum anderen spielen Übergänge von Aggregatzuständen eine Rolle. Manches ist richtig schön eklig wie die wabbligen Silikonwalzen, die zerschnitten und teilweise gebraten werden – sie sind fies eingefärbt und entwickeln bei der Bearbeitung schmatzende Geräusche. Dann wieder gibt es wunderschöne Landschaftsbilder, und Frauen aus Tuva betören mit kunstvollem Obertongesang. Hände wühlen in bunten Kugeln, oder die Grenzen zwischen Mikro- und Makrokosmos verschwimmen: Werden da nun gerade textile Fragmente bearbeitet oder landwirtschaftliche Flächen?

Tolle Ausstellung. Aber einen Sinn für schrägen Humor sollte man schon mitbringen.

Sehen

Bis 10. Mai, Sprengel-Museum, Hannover.

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