Restitution: Jüdische Erben versteigern Kulturgut / Viele Ansprüche / Fällt Bollwerk der Verjährung im Raubkunst-Fall?

Am Ende wird doch nur abkassiert

Kam am 8. November 2006 unter den Hammer: Ernst Ludwig Kirchners „Berliner Straßenszene“ (1913).

Von Jost BeckerBREMEN (Eig. Ber.) · Jüdische Erben streiten um das entzogene Kulturgut ihrer Väter. Denn „gerechte und faire Lösungen“, wie es die Washington Principles vorsehen, wurden nie definiert.

So kommt es immer wieder zu hitzig diskutierten Rückgaben wie 2006 die des Gemäldes „Berliner Straßenszene“ von Ernst Ludwig Kirchner (1913), das im Berliner Brücke-Museum hing. Der damalige Finanzsenator der Hauptstadt, Thilo Sarrazin, händigte das berühmte Bild überraschend schnell an die Erbin des jüdischen Sammlers und Leipziger Schuhfabrikanten Alfred Hess aus. Doch es landete nicht als Erinnerungswert über dem Sofa der Erbin, sondern wurde bei Christie’s New York für 38 Millionen Dollar versteigert.

Aus welchen Motiven also klagen die Erben? Ist es vor dem historischen Hintergrund überhaupt legitim danach zu fragen?

Wie überraschend schnell sich jedenfalls Erben und andere Handaufhalter vermehren und der Erlös aus einer Rückgabe dahin schmilzt, belegt das Beispiel der Rückgabe von Camille Pissarros „Le Quai Malaquais et l’Institut“ an die Haupterbin Gisela Bermann Fischer. Das Millionenbild wurde im November 2009 bei Christie’s New York für 2,155 Millionen Dollar versteigert. Vermittler, Rechercheure, Anwälte, das Versteigerungshaus und der unberücksichtigte Erbe aus einer Liaison des ursprünglichen Eigentümers, des Berliner Verlegers Samuel Fischer, kassierten mit. Die Liquidation des Bildes war am Ende nötig, um alle diese Ansprüche abzudecken.

Auch die Jewish Claims Conference, die seit 1951 Entschädigungsansprüche jüdischer NS- und Holocaust-Opfer vertritt und immer wieder in das Kreuzfeuer der Kritik gerät, wie sie das Vermögen verwaltet, mischt beim Restituieren von Kunst mit. 2005 mussten die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden das Bild „Ein Nachmittag im Tuileriengarten“ des Berliner Realisten Adolph Menzel (geschätzt: drei Millionen Euro) an die JCC herausgeben. Das Bild, so der Restitutionsbescheid, habe das Museum 1935 zu einem „nicht angemessenen Preis“ von 25 000 Reichsmark erworben. Das Gemälde gehörte einer Berliner Jüdin, die 1942 von den Nazis nach Polen deportiert und vermutlich umgebracht wurde.

Der Markt für Restiutionen boomt. Und die zunehmende Öffentlichkeit von Kunst auch durch das Internet eröffnet jüdischen Erben erfolgreiche Recherchewege und bietet deren Anwälten neue saturierende Einkommensquellen.

Am Ende könnte sich die Restitutionsschlinge sogar privaten Sammlern um den Hals legen. Denn wer kann sicher sein, dass eine Nachkriegserwerbung in privater Hand, sofern sie veräußert werden sollte, nicht als Nazi-Raubkunst identifiziert wird? Wer erwirbt noch Stücke, die diesen Makel tragen, und zu welchem Preis? Am Ende nur ein eingeschränkter Kundenkreis namens Schwarzmarkt. Und dann will auch nicht mehr jedes Auktionshaus der Vermittler sein.

Noch schützt die 30-jährige Verjährungsfrist des § 197 BGB vor der Hinterfragung privater Sammlungen. Doch Restitutionsexperten wie Sabine Rudolph und Gunnar Schnabel rütteln an diesem Bollwerk. Sie meinen, dass sich Deutschland „international nicht mehr hinter dem juristischen Schutzschild Verwirkung oder Verjährung verstecken kann“, um die Rückgabe von NS-Raubkunst zu verweigern.

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