Helge Letonja denkt Gerhard Bohner weiter

Ende wieder offen

Skurrile Gestalten bevölkern die Bühne bei „Zwei Giraffen tanzen Tango“. - Foto: Marianne Menke

Bremen - Von Rolf Stein. Eine vergängliche Kunst wie das Theater, besonders das Tanztheater, tut sich gelegentlich schwer mit der eigenen Geschichte – weil diese kaum konserviert ist, Mythos bleibt. Das Programm „Tanzfonds Erbe“ von der Kulturstiftung des Bundes will dem Vergessen Einhalt gebieten. Eines der geförderten Projekte hatte am Donnerstag in Bremen Premiere. Allerdings ist „Zwei Giraffen tanzen Tango“ kein „Reenactment“ im engeren Sinne, sondern eine Arbeit, in der Historisches auf seine Zeitgenossenschaft befragt wird, weitergedacht, beantwortet.

Helge Letonja, einst Tänzer am Theater Bremen und heute als Choreograf und Kopf des Steptext Dance Projects, hat sich der Aufgabe angenommen, und das – so viel sei vorweg gesagt – mit großem Erfolg. Während zunächst Bohner pur auf die Bühne gebracht wird, in strengem Schwarz-Weiß, mit bizarren Kostümen, Anflügen des absurden Theaters, kongenial instrumentiert von dem Komponisten Gerald Humel, durch bricht Letonjas eigener Stil die Szenerie schließlich auf allen Ebenen.

Humels Sound, vergleichbar in etwa mit Großmeistern der Moderne wie György Ligeti, Yannis Xenakis oder Giacinto Scelsi, geht über in Serge Webers eher postmoderne Klangwelt, die Wand, die zunächst die Rückwand der Bühne (Rena Donsbach) zu bilden scheint, wird durchbrochen, zunehmend farbenfroh wird das Geschehen, vor allem durch die fantastischen Kostüme von Katja Fritzsche. Wobei Letonja die ästhetischen Absichten und Strategien Bohners nie denunziert, sondern seine Antwort auf das historische Material aus diesem folgen lässt – ganz so wie bei Bohner die Bewegungen des Ensembles stets auseinander abgeleitet scheinen.

Zugleich lässt er damit auch den Vergleich zu zwischen der Gegenwart und dem Zeitgeist der frühen Achtziger-Jahre, als „Zwei Giraffen tanzen Tango“ das Licht der Welt erblickte: zunächst in Berlin, wenige Wochen später dann in Bremen, wo Bohner mit Reinhild Hoffmann das Tanztheater leitete.

Zeitgeist und Zeitlosigkeit sind dabei gleichermaßen zu erkennen: Ein markantes Duett im Bohner-Teil beispielsweise zeigt zwei Tänzerinnen mit Schwimmflossen, die eine lacht sich kaputt, die andere kann schier nicht aufhören zu weinen, was, zumindest scheint es so, in einem Achtziger-Jahre-Provokations-Furor exzessiv ausgespielt wird.

Andererseits sind Nähe und Distanz, Umklammerung und Ausbruch bis heute Themen choreografischer Auseinandersetzungen. Bei Bohner sind diese und andere Gegensätze ins Groteske getrieben – auch das vielleicht eher Achtzigerjahre als 21. Jahrhundert. Das Ende bleibt angemessen offen: Bohner-Wesen und Letonja-Tänze, Humel-Flüge und Weber-Klänge werden verschmolzen und gemeinsam ausgeblendet. Die Geschichte geht weiter. Ein Tanzabend mit vielen starken Bildern – und eine faszinierende Geschichtsstunde.

Weitere Vorstellungen: heute, 20 Uhr, Mittwoch, 15. Juni, 20 Uhr, Sonntag, 19. Juni, 18.30 Uhr, Freitag, 24. Juni, 20 Uhr, Kleines Haus, Bremen

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