Der neue Bremer Schauspielleiter Benjamin von Blomberg über Klassiker, Bühnenästhetik und Publikumsbevormundung

Das Ende der Aussagesätze

Punkt. Nein: Ausrufezeichen! Benjamin von Blomberg übernimmt nach der Sommerpause die Schauspielsparte des Bremer Theaters. ·
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Punkt. Nein: Ausrufezeichen! Benjamin von Blomberg übernimmt nach der Sommerpause die Schauspielsparte des Bremer Theaters. ·

Bremen - Von Johannes BruggaierBenjamin von Blomberg ist ab August neuer Leiter der Schauspielsparte am Theater Bremen. Der 34-jährige Dramaturg hat Historische Musikwissenschaften, Germanistik und Betriebswirtschaftslehre studiert. Anschließend war er am Hamburger Thalia Theater tätig.

Im Gespräch mit unserer Zeitung erläutert er seinen ästhetischen Anspruch an die Schauspielkunst und erklärt, warum Theater keine konkreten Botschaften mehr vermitteln kann.

Herr von Blomberg, was haben Betriebswirtschaftslehre und Theater gemeinsam?

Von Blomberg: Einiges. In der Wirtschaft gibt es eine Grundverabredung. Es ist der kollektive Glaube, dass der von uns etablierte Zahlungsverkehr eine Sicherheit in sich birgt und Geld, bedrucktes Papier, einen Wert besitzt – obwohl wir alle wissen, das kein ausreichender materieller Gegenwert dafür vorhanden ist.

Und das Theater?

Von Blomberg: Auch im Theater arbeiten wir mit dem Glauben, einem Versprechen. Dem Versprechen, dass uns in der künstlerischen Vergegenwärtigung von Stoffen eine Vergegenwärtigung unserer Zeit gelingt. Dass wir im Theater etwas über das Menschsein heute erfahren. Und dass wir damit unser Bewusstsein vergrößern, vielleicht sogar eine Selbsterkenntnis erlangen.

Also kein Unterschied?

Von Blomberg: Doch. Denn anders als in der Wirtschaft geht es im Theater darum, das Versprechen auch einzulösen! In der Wirtschaft dagegen gilt die Maxime, so etwas wie Glück oder Identität gerade als Unerreichbares zu erhalten, damit der Konsument hungrig bleibt.

Aber gibt es am Theater diesen Sättigungsfaktor wirklich? Sobald man eine Tür zur Erkenntnis geöffnet hat, zeigt sich dahinter schon wieder die nächste!

Von Blomberg: Das Unerschöpfliche des Theaters besteht darin, dass man dieselbe Geschichte immer wieder anders und neu erzählen kann. Grund dafür ist die schlichte Eigenschaft, dass Theater eine zeitgenössische Kunstform ist: Es bedarf zwingend einer Interpretation, und diese kann nur von Menschen geleistet werden, die den Text aus ihrer individuellen Zeit heraus lesen. Deswegen ist Sättigung auch gar nicht das Ziel, das kann es gar nicht sein. Als widersprüchlicher, nie fertiger und verletztlicher Mensch aber aufrichtig in einer Aufführung angesprochen, gemeint zu sein, das kann Theater. Es kann sinnlich und sinnstiftend anfüllen. Die Konsumwirtschaft will das leere Gefäß, den haltlosen Menschen.

Der klassische Stoff wird durch immer neue Menschen immer neu hinterfragt. Nun werden aber auch umgekehrt die Menschen selbst durch den klassischen Stoff immer neu hinterfragt. Was macht das mit einem Theaterschaffenden, wenn er – wie Sie kürzlich am Hamburger Thalia Theater – den ganzen „Faust“ studiert?

Von Blomberg: Na ja, es ist selbstverständlich bewusstseinserweiternd! Und auch die totale Selbsterkenntnis habe ich erlangt! Ich bin also ein neuer Mensch. Nein, im Ernst: Natürlich kann sich das Denken schärfen, vor allem, wenn etwas begeistert hat. Und mich hat begeistert, wie Goethe letztlich uns heute beschrieben hat. Zum Beispiel die allgegenwärtige Beschleunigung: Da gibt es bei Goethe die großartige Wortschöpfung „Veloziferisch“ – also „Velocitas“, was „Eile“ bedeutet, und „Luzifer“, das Teuflische. Dass Goethe Anfang des 19. Jahrhunderts die Übereilung als das Grundübel unserer Zeit ausgemacht hat: Diese Erkenntnis kann sich sagenhaft tief ins Bewusstsein eingraben.

Wie beeinflusst die Zusammenarbeit mit Regisseuren Ihren Blick auf Literatur und Theater?

Von Blomberg: Ich habe sehr viel mit Nicolas Stemann gearbeitet. Bei ihm steht immer die Frage im Vordergrund: Wie kann ich einen Stoff so vergegenwärtigen, dass ich selbst mit meinen Fragen darin enthalten bin? Und wie sieht man meine individuelle Auseinandersetzung mit einem Stoff, ohne dass dieser dabei nur noch Träger meiner Auseinandersetzung ist? Dieser Anspruch ist auch mir sehr wichtig.

Ist also der Theaterkünstler ein Medium des historischen Textes? Oder ist der Text vielmehr ein Instrument unter vielen, aus dem der Künstler ein eigenes, autonomes Werk erschafft?

Von Blomberg: Der Künstler ist ein Medium des Textes, wobei Medium immer auch mehr bedeutet als bloße Wiedergabe. Ein Medium nimmt aber sich selbst nicht einzig wichtig, sondern strebt an, dass sein Publikum auch eigene Erkenntnisse aus dem vermittelten Stoff zieht. Dazu muss aber auch das Medium wissen, was es will, und wie es das will. Es darf sich nicht verstecken.

Ihr Chef, Generalintendant Michael Börgerding, ist der Meinung, dass Theaterschaffende keineswegs mehr über den Zustand unserer Gesellschaft wissen als Experten in diversen Fernsehsendungen oder Tageszeitungen. Hat er Recht?

Von Blomberg: Ja. Wir Theaterkünstler stehen in dieser Welt mit denselben Fragen wie die meisten anderen Menschen auch. Deshalb wird es ein politisches Theater, das eine konkrete, eineindeutige Botschaft vermitteln will, nicht mehr geben.

Schillers Utopie von der Schaubühne als moralischer Anstalt ist also tot?

Von Blomberg: Na ja, die Frage nach einer verbindlichen Moral wird nie sterben, ihr müssen wir uns stellen und uns an ihr abarbeiten: Das ist aber ein schwieriger, feinerer, eher schwebend dialektischer Prozess als noch zu Zeiten der klaren Feindbilder und politischen Botschaften.

Ihre erste Spielzeit ist vom Themenfeld „Geld, Diebe, Gauner“ geprägt. Wenn Sie Theater als so fragilen, schwebenden Prozess verstehen: Besteht dann nicht die Gefahr, dass Sie manches romantisch verklären, wo eigentlich eine eindeutige Haltung angebracht wäre?

Von Blomberg: Das ist in der Tat ein schmaler Grat: Interpretieren wir die Figur Hamlet als möglichen Vorsitzenden eines Hedgefonds und zwingen unser Publikum damit, sie den ganzen Abend in dieser Gleichung wahrzunehmen? Oder setzen wir diese Pointe bewusst nicht und entziehen uns damit aber womöglich jeder Deutung? Das kann es aber ja auch nicht sein.

Sie würden sich im Zweifel gegen den Vorsitzenden des Hedgefonds entscheiden?

Von Blomberg: Ich möchte es so formulieren: Eindeutige Zuschreibungen, nach dem Prinzip „Maria Stuart ist Angela Merkel und Elizabeth ist Nicolas Sarkozy“ suche ich nicht unbedingt – ganz einfach, weil wir am Theater Kunst machen wollen und nicht politischen Journalismus. Wir bilden keine Aussagesätze mit einem Punkt am Ende, sondern öffnen bestenfalls einen ästhetischen Assoziationsraum, der Fragen und mögliche Antworten in dem Betrachter entstehen lässt, ohne naseweis zu bevormunden und vorzugeben, man selbst habe im Griff: die Deutung des Stoffes, die Deutung der Welt, das eigene Menschsein, das Leben. A propos nicht im Griff haben: Ich bin wirklich gespannt, wie die Stadt auf unsere erste Spielzeit hier am Theater Bremen reagiert. Ich würde ja sagen: Es wird aufregend. Punkt. Nein: Ausrufezeichen!

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