Calixto Bieito zeigt Verdis „Missa da Requiem“

Am Ende alle wie tot

Kein Gewinn: Szene aus Calixto Bieitos Hamburger Inszenierung von Verdis „Messa da Requiem“. - Foto: Brinkhoff/Moegenburg

Hamburg - Von Wolfgang Denker. Über Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“ gibt es das Bonmot, dieses Requiem sei Verdis beste Oper. Und Hans von Bülow bezeichnete das Werk einst gar als „Oper im Priestergewand“. Aber das bezieht sich natürlich auf die Musik, es gibt ja keine eigentliche Handlung. Eine solche hat der Regisseur Calixto Bieito auch nicht erfunden. Er beschränkt sich darauf, die Abschnitte des Requiems assoziativ zu bebildern. Und wer hier nun Exzesse und skandalträchtige Phantasien erwartet, wird enttäuscht. Selten hat sich Bieito bei einer Inszenierung so zahm gegeben wie hier – zum Glück für die Musik, die sich unter der Leitung von Kevin John Edusei in ihrer ganzen Pracht entfalten kann. Edusei und das Philharmonische Staatsorchester offerieren eine breite dynamische Palette, die von zartesten Geigentönen bis zu den machtvoll aufgebauten Klängen des Jüngsten Gerichts reicht. Eindrucksvoll der Klang der von oben tönenden Posaunen, berührend das innige Flehen um Gnade. Der Chor zeigt sich dabei in imponierender Bestform. Eberhard Friedrich hat einmal mehr hervorragende Arbeit geleistet. Auch bei den Solisten gibt es durchweg gute und homogene Leistungen. Maria Bengtsson überzeugt mit ihrem lyrischen Sopran weitgehend, obwohl man manche Passagen schon schwebender und ätherischer gehört hat. Nadezhda Karyazina führt einen glutvollen Mezzo ins Feld, Dmytro Popov glänzt nicht nur bein „Ingemisco“ mit kraftvollem, höhensicherem Tenor, Gábor Bretz sorgt mit seinem schlanken Bass für reinstes Balsam.

Und die Inszenierung? Die Bühne von Susanne Gschwender zeigt ein riesiges Holzregal, in dem die Protagonisten mitunter wie in einem Setzkasten sitzen. Die Regalteile verschieben sich und wecken die Assoziation von Schluchten zwischen stilisierten Hochhäusern. Zunächst sieht man eine mit ihrem Kind ballspielende Familie. Kinder, die immer wieder in diesen Häuserschluchten spielen, symbolisieren die Hoffnung, die der Gesellschaft versagt scheint. Denn Bieito sieht für sie keine Erlösung.

Schmerz und Trauer bestimmt das Schicksal der Solisten: Die Mezzosopranistin ist zwischenzeitlich an das Regal angeschmiedet, setzt sich das Messer an die Kehle und lässt das Blut auf ihr knallgelbes Kleid rinnen. Beim „Offertorium“, wo von Opfern und Gebeten die Rede ist, wird eine Nackte wie ein Opfer aufgebahrt. Die Sopranistin ist durchweg eine Leidensfigur, die vom Chor attackiert wird. Der reckt oft die Arme flehentlich zum Himmel. Aber alles ist vergebens. Am Ende liegen alle wie tot da. Bieitos Bebilderung des „Requiems“ ist dennoch nie verstörend oder ärgerlich. Aber letztendlich ist sie auch kein Gewinn, denn Verdis Musik ist so stark und suggestiv, dass sie auch ohne szenisches Beiwerk ihre Botschaft verkündet.

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