Elisabeth Leonskaja spielt mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen Beethovens zweites Klavierkonzert

Auf der Kante balanciert

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Innerlich und innig: Elisabeth Leonskaja überzeugte in der Bremer Glocke.

Bremen - Von Tim Schomacker. Diese Frau ist ein echtes Kulturschauspiel. Unglaublich geerdet sitzt sie da, schwer, fast fest. Dabei von unprätenziöser Freundlichkeit. Wie sie dem Orchester Einsätze signalisiert. Wie sie auf den eigenen wartet. Grande Dame ihrer Zunft und zugleich von einer eigenartig androgynen Altheit. Was etwas andres ist als Ältlichkeit. - Von Tim Schomacker.

Geboren in Georgien und lange schon in Wien lebend, hat die siebzigjährige Pianistin Elisabeth Leonskaja, eins Lieblingsschülerin des großen Swjatoslaw Richter, die gewiss harte russische Musikschule durchlaufen. Hat später Moden kommen und gehen und die heißbegehrten instrumentalen Jungsolistinnen und Wunderknaben des Musikbetriebs vorüberziehen sehen. Und scheint dabei bei sich geblieben zu sein. Stimmt vielleicht nicht, wirkt aber so. Und das ist so wenig nicht im gegenwärtigen Klassikgeschäft.

Vor allem aber gelingt es Leonskaja, ihr voluminöses Instrument – zugleich! – als eine Art Maschine zu bedienen. Und im selben Atemzug oder Handstreich die Musik, die dann aus dieser Maschine herauskommt, auf der Kante zu balancieren von analytischer Distanz und nicht gefühliger Innerlichkeit. Manchmal auch Innigkeit.

Am Donnerstagabend tat Leonskaja solches mit Beethovens zweitem Klavierkonzert. Begleitet von der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, die unter der spielenden Vom-Pult-aus-Leitung des Geigers Florian Donderer eine sensible Partnerin ist. An den richtigen Stellen zurückhaltend ohne schüchtern zu sein. Interessiert am Dialog mit der Solistin. Was sich bei diesem Konzert weidlich auskosten lässt, bietet es doch die Möglichkeit, wenn man will, die Frontalstellung von Solopiano und Orchester in reizvollen Schwebphasen aufzuweichen. Das beeindruckt.

Noch mehr aber imponiert der Anschlag Leonskajas, der stets lyrisch bleibt und zugleich immer das gesamte mögliche dynamische Spektrum auskostet. Sie wartet, nutzt Pausen für eine Spannung, die meist deutlich mehr ist als schierer Effekt. Sie kantet Akkorde in die Tasten, wodurch sie ihre Herkunft aus dem zwanzigsten Jahrhundert, namentlich aus der russischen und sowjetischen Klavierliteratur desselben elegant kennzeichnet. Irgendwie ist immer auch ein Hauch Prokofiew dabei. Selbst bei Beethoven.

Den Abend eröffnete die Kammerphilharmonie solo. Mit einer maritim schwankenden, klanglandschaftsmalerischen Hybriden-Ouvertüre Mendelssohn-Bartholdys. Vorzüglich dies vor allem in jenen Passagen, da die hohen Streicher kaum merkliche aber doch ultrapräsente Haltetöne auslegen, auf denen die Klarinetten dann sicheren Stands und voller Entdeckungslust einen Nebelspaziergang machen können.

Nach Leonskajas unaufdringlichem Galaauftritt gab es noch eine luftige Version von Franz Schuberts dritter Symphonie zu hören. Dezent dirigierte Donderer die Mit-Philharmoniker durch den gattungsgeschichtlich wie klanglich spannenden Raum zwischen romantischer Formgebung und spätromantischem Klangideal.

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